Der Weg der Heiligen Drei Könige

»Wir haben seinen Stern gesehen«


Seit über 850 Jahren werden im Kölner Dom die Reliquien jener biblischen Magier verehrt, die sich nach der Geburt Jesu auf den Weg machten, um dem Stern von Bethlehem zu folgen und Christus zu huldigen.

Die Heiligen Drei Könige

1 Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa geboren worden war, siehe, da kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem 2 und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen. 3 Als König Herodes das hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem. 4 Er ließ alle Hohepriester und Schriftgelehrten des Volkes zusammenkommen und erkundigte sich bei ihnen, wo der Christus geboren werden solle.

Mt 2,1-12

5 Sie antworteten ihm: in Betlehem in Judäa; denn so steht es geschrieben bei dem Propheten: 6 Du, Betlehem im Gebiet von Juda, bist keineswegs die unbedeutendste unter den führenden Städten von Juda; denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, der Hirt meines Volkes Israel. 7 Danach rief Herodes die Sterndeuter heimlich zu sich und ließ sich von ihnen genau sagen, wann der Stern erschienen war. 8 Dann schickte er sie nach Betlehem und sagte: Geht und forscht sorgfältig nach dem Kind; und wenn ihr es gefunden habt, berichtet mir, damit auch ich hingehe und ihm huldige!

9 Nach diesen Worten des Königs machten sie sich auf den Weg. Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen. 10 Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt.

Bild des Sterns

11 Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar.

Die Krippe Szene mit den Heiligen Drei Königen i i i

12 Weil ihnen aber im Traum geboten wurde, nicht zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg heim in ihr Land.

02

Entstehung der Legende

Die Erwähnung der Μάγοι (Magoi), der Sterndeuter, im biblischen Bericht ist kurz.

Weder wird ihre Zahl erwähnt noch werden sie als Könige bezeichnet. Erst an der Wende vom zweiten zum dritten Jahrhundert nach Christus schließt man aufgrund der kostbaren, geradezu königlichen Gaben auf ihre Dreizahl. Etwa zeitgleich werden sie erstmals als Könige bezeichnet. Prophezeiungen des Propheten Jesaja und des Sehers Bileam werden auf den Stern von Bethlehem und die Könige bezogen. Augustinus bezeichnet sie als die ersten der Heiden, welche die göttliche Natur Christi erkannten. Um 500 werden erstmals die Namen Caspar, Melchior und Balthasar genannt.

Caspar
Melchior i
Balthasar

1 Steh auf, werde Licht, denn es kommt dein Licht und die Herrlichkeit des Herrn geht strahlend auf über dir. 2 Denn siehe, Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völker, doch über dir geht strahlend der Herr auf, seine Herrlichkeit erscheint über dir. 3 Nationen wandern zu deinem Licht und Könige zu deinem strahlenden Glanz. 4 Erhebe deine Augen ringsum und sieh: Sie alle versammeln sich, kommen zu dir. Deine Söhne kommen von fern, deine Töchter werden auf der Hüfte sicher getragen. 5Da wirst du schauen und strahlen, dein Herz wird erbeben und sich weiten. Denn die Fülle des Meeres wendet sich dir zu, der Reichtum der Nationen kommt zu dir. 6 Eine Menge von Kamelen bedeckt dich, Hengste aus Midian und Efa. Aus Saba kommen sie alle, Gold und Weihrauch bringen sie und verkünden die Ruhmestaten des Herrn.

Kirchenfenster Szene mit den Heiligen Drei Königen
Jüngeres Bibelfenster in der Stephanuskapelle des Kölner Doms Königin von Saba vor Salomon

17
[…] Ein Stern geht in Jakob auf, ein Zepter erhebt sich in Israel. […]

Titelkupfer des ersten Bandes aus Hermann Crombach "Primitiae Gentium seu historia SS. Trium Regum Magorum, 1654

03

Legende nach Johannes von Hildesheim

Vor allem im hohen und späten Mittelalter wird die Legende der Heiligen Drei Könige immer reicher ausgestaltet. Ab dem 13. Jahrhundert gelten sie als Vertreter der Lebensalter, Jüngling, Mann und Greis, sowie ab dem 14. Jahrhundert der bekannten Weltteile Afrika, Asien und Europa. Eine der ausführlichsten Legenden wurde um 1364 vom Karmeliten Johannes von Hildesheim niedergeschrieben. Ausführlich und um viele Details ausgeschmückt beschreibt er die alttestamentlichen Prophezeiungen, die Herkunft der Heiligen Drei Könige, ihren Zug nach Bethlehem, ihren weiteren Lebensweg und schließlich die lange Reise, die ihre Reliquien genommen haben, bis sie 1164 vom Kölner Erzbischof Rainald von Dassel nach Köln gebracht wurden. Eine gekürzte Fassung findet sich im Breviarium Coloniense von 1521 (Übersetzung Arnold Steffens).

Nachdem die Heiligen Drei Könige von Bethlehem in ihr Land zurückgekehrt waren, verkündeten sie ihren Volksgenossen die frohe Botschaft von der Menschwerdung des Gottessohnes. In hohen Ehren hielten sie den Berg, wo ihnen der Stern zuerst erschienen. Sie bauten dort eine Stadt, die sie Siegberg nannten, und auf der Höhe des Berges errichteten sie eine Kapelle mit dem Bild des mit dem Kreuz bezeichneten Jesusknaben.


Breviarium Coloniense,
Köln 1521, fol. 35v

Dreikönigenschrein, mittelalterlicher Holzkern, Davidseite: Die Heiligen Drei Könige predigen den Völkern

Unermüdlich waren sie in der Übung von Werken der Tugend und Gottseligkeit, bis der Apostel Thomas in jene Gegend kam, um die Lehre Jesu Christi zu verkündigen. Ihm gesellten sie sich zu und empfingen von ihm die hl. Taufe. Und weil sie Männer der Auserwählung waren, erteilte ihnen Thomas auch die Bischofsweihe und überwies die Völker des Orients ihrer Hirtensorgfalt.


Breviarium Coloniense,
Köln 1521, fol. 36r

Die selige Helena, Mutter des Kaisers Konstantin, eine mit allen Tugenden gezierte und für alles, was den christlichen Namen betraf, hochherzig bemühte Frau, bewies einen ganz besonderen Eifer im Sammeln von Reliquien der Heiligen. In eigener Person reiste sie durch die weiten Länder des römischen Reiches nach dem Morgenland und nach dem Abendland und baute über den Leibern der Märtyrer ansehnliche Kirchen. Auch wusste sie sich die Leiber der Heiligen Drei Könige zu verschaffen und brachte sie nach Konstantinopel, wo sie in großen Ehren bleiben bis zu den Zeiten des Kaisers Manuel.


Breviarium Coloniense,
Köln 1521, fol. 36v, 30v

Zu Kaiser Manuels Zeiten lebte ein sehr unterrichteter und frommer Mann, griechischer Abkunft, Eustorgius mit Namen. Dieser kam als Botschafter des Kaisers Manuel nach Mailand und wurde dort vom Volk zum Bischof gewählt. Eustorgius kehrte daher nach Konstantinopel zurück, sagte dem Kaiser Dank und erhielt von diesem auf seine Bitten die Leiber der Heiligen Drei Könige zum Geschenk. In einem Marmorsarg brachte er diese mit vieler Mühe, unter vielen Nachtwachen und Gebeten in die Stadt Mailand.


Breviarium Coloniense,
Köln 1521, fol. 30v

04

Translation nach Köln

Im Jahre 1164, als der römische Kaiser Friedrich die wider ihn empörten Mailänder unterjocht hatte und die Stadt in seiner Gewalt war, hat der Erzbischof der Kölner Kirche, Rainald, die Leiber der Heiligen Drei Könige sich zum Geschenk erbeten und erhalten. Auch erhielt er die kostbaren Überreste der beiden Märtyrer Felix und Nabor, die in derselben Stadt für Christus gelitten hatten.


Breviarium Coloniense,
Köln 1521, fol. 30v

Grabmal des Kölner Erzbischofs Rainald von Dassel

Der Weg, den Rainald von Dassel 1164 mit den Gebeinen der Heiligen Drei Könige genommen hat, ist relativ gut bekannt. Erst zwei Jahre nach der Eroberung Mailands 1, hatte er am 11. Juni 1164 die Reliquien von Kaiser Friedrich Barbarossa in Pavia 2 als Dank für unermessliche und unzählige Dienste erhalten und machte sich auf den Weg nach Köln. Am folgenden Tag hielt er sich siebzig Kilometer westlich in Vercelli 3 auf, von wo er einen Brief an den Klerus und das Volk von Köln sandte, um seine Ankunft mit den Reliquien anzukündigen. Von Vercelli nahm er wahrscheinlich den Weg über Turin 4 und den Mont Cenis 5 nach Vienne 6, wo er an einer Versammlung burgundischer Bischöfe teilnahm. Welchen Weg er von hier aus zum Rhein nahm, ist nicht bekannt, gut denkbar wäre etwa die Strecke über Lyon, Chalon-sur-Saône und Besançon oder diejenige über Genf, Lausanne und Basel nach Breisach 7, wo er, späterer Überlieferung nach, dem Münster St. Stephan die ebenfalls aus Mailand stammenden Leiber der hll. Gervasius und Protasius geschenkt haben soll. Vom Kaiserstuhl aus nahm er wohl die Schiffsroute über den Rhein bis nach Köln 8. Eine Legende ist wahrscheinlich der Bericht, dass er am Tag vor seiner Ankunft in Köln der Propstei in Remagen 8 die Gebeine des hl. Apollinaris geschenkt haben soll. Für die gesamte Strecke brauchte er 43 Tage, was einer durchschnittlichen Reisegeschwindigkeit von etwa 33 km pro Tag entspricht.

Landkarte

Mit großer Freude sandte er nunmehr sowohl die Heiligen Drei Könige als die beiden Märtyrer [Felix und Narbor] durch achtbare Personen nach Köln. Als sie herannahten, eilte ihnen die ganze Stadt entgegen, die Geistlichkeit sowohl als das Volk beiderlei Geschlechtes und jeglichen Alters, und unter Hymnen und Gesängen setzten sie den vom Himmel ihnen gesandten Schatz in der Kirche des hl. Petrus nieder. Seit jener Zeit begann Köln mehr zuzunehmen an Ruhm und Ansehen.


Breviarium Coloniense,
Köln 1521, fol. 30v

Dreikönigenschranke Übertragung der Gebeine nach Köln

05

Die Reliquien im alten Dom

Aufstellung fanden die kostbaren Reliquien im alten karolingischen Dom, dessen Innenraum Rainald von Dassel mit seidenen Tüchern aus Mailand ausschmücken ließ.

Auch wurden auf seine Initiative hin zwei neue Türme errichtet und die Türme des Domes mit insgesamt zehn vergoldeten Turmknäufen geziert. Ob die Reliquien bereits zu diesem Zeitpunkt in der Mitte der Kirche, wie später für den Dreikönigenschrein belegt, oder in der Goldenen Kammer, der Schatzkammer, aufgestellt wurden, ist nicht bekannt.

Die zentrale trapezförmige Platte an der Stirnseite kann geöffnet werden und so wurden den Gläubigen, die zahlreich aus ganz Europa nach Köln pilgerten, regelmäßig die Schädel der Heiligen Drei Könige präsentiert, die dahinter auf dem Häupterbrett ruhen. Ihre Gesichter wenden sich zur Erde, so wie sie in Bethlehem in Anbetung vor dem Christuskind verharrten. Seit dem 13. Jahrhundert sind Pilgerzeichen bezeugt, die an die Schädel angerührt und von den Pilgern als Berührungsreliquien mitgeführt wurden. Von ihnen erhoffte man sich Heilung und Schutz.

Auch die deutschen Könige besuchten in den folgenden Jahrhunderten nach ihrer Krönung in Aachen gewöhnlich als erstes Köln, um die Heiligen Drei Könige, die als die ersten christlichen Könige galten, zu verehren. Viele brachten kostbare Geschenke dar. So ist von Otto IV. bezeugt, dass er die Häupter der Könige mit kostbaren Kronen schmückte. Noch Karl V. stiftete im 16. Jahrhundert einen kostbaren Kelch, der vor dem Schrein aufgehängt wurde.

Dreikönigenschrein, mittelalterlicher Holzkern, Davidseite: Verehrung der Reliquien durch Könige

06

Die Reliquien im Gotischen Dom

Der enorme Bedeutungszuwachs, den der Dom durch den Besitz der Reliquien der Heiligen Drei Könige erfuhr, war ein entscheidender Anstoß zum Neubau der Bischofskirche. 1248 legte Erzbischof Konrad von Hochstaden den Grundstein zur heutigen gotischen Kathedrale, die eine der größten Kirchen der Christenheit werden sollte.

Zunächst sollte der Ostteil des Alten Domes abgebrochen werden, um mit dem Bau des gotischen Domchores zu beginnen, der Westteil aber bis zu dessen Vollendung erhalten bleiben. Bei den Abbrucharbeiten brach ein Brand aus.

Die Annalen von St. Pantaleon berichten hierüber (Übersetzung Max Hasak):

Da das Kölner Kapitel über die völlige Niederlegung des Alten Domes und Wiederaufführung eines besseren Baues unter Zustimmung des Erzbischofs und der Prioren schlüssig geworden war und die Werkmeister den östlichen Teil der Mauern der Kirche sehr schnell unterhöhlt hatten, zünden sie unvorsichtig die Balken mit allzu großer Nahrung für das Feuer an, welche die Höhlung stützen, damit die auf ihnen ruhende Last schnell zusammenstürze. Das durch den entstehenden Wind stärker werdende Feuer aber verzehrte jene edle, wenn auch alte, Kirche vollständig bis auf die nackten Mauern, nebst den beiden im Innern hängenden goldenen Kronleuchtern. Gar deutlich aber zeigte sich die Kraft Gottes darin, dass der Schrein der drei Könige von seinem Platze in der Mitte der Kirche, bevor man das Feuer anzündete, nach dem Eingang geschafft worden war, nicht aus Furcht vor dem Feuer, sondern weil man fürchtete, die Mauern möchten einstürzen; so wurde der Schrein mit großer Mühe – denn die ganze Kirche war mit Rauch angefüllt – ohne irgendwelche Verletzung hinausgetragen und unbeschädigt gerettet.

Am 27. September 1322 wurde der Domchor durch Erzbischof Heinrich von Virneburg geweiht. Zu diesem Anlass wurde der Dreikönigenschrein in feierlicher Prozession aus dem Alten Dom in den Neubau übertragen. Wahrscheinlich wurde er bereits zu diesem Zeitpunkt in der östlichsten Kapelle des Chorumganges aufgestellt. Hier stand der Schrein, von wenigen Unterbrechungen abgesehen, bis in das Jahr 1864. Durch den Chorumgang konnten die Pilger, die in großer Zahl zu den Gebeinen der Heiligen Drei Könige kamen, am Schrein vorüberziehen und die Reliquien verehren. Eigentlicher Standort im vollendeten Dom sollte aber die Vierung, der Schnittpunkt von Lang- und Querhaus des Domes werden. Diesen Standort nennt auch der mittelalterliche Grundriss des Domes, der zwar seit 1794 verschollen, aber in einem Kupferstich des 17. Jahrhunderts überliefert ist.

Ort der künftigen Ruhe der Heiligen Drei Könige

Der Dreikönigenschrein in der Achskapelle war durch ein rotes, teilweise vergoldetes, mit goldenen Sternen verziertes Gittergehäuse geschützt. Im Laufe der Zeit wurde das Gehäuse wiederholt restauriert und verändert. Geschmückt war es mit Skulpturen der Anbetung der Heiligen Drei Könige und zwei bekrönenden Engeln, die den Stern von Bethlehem in ihren Händen hielten. Beachtliche Reste der Gitter haben sich bis heute erhalten.

Der Dreikönigenschrein

Im mittelalterlichen Gittergehäuse hingen, wie später auch im barocken Dreikönigenmausoleum, zahlreiche wertvolle Weihegaben, die im Laufe der Jahrhunderte den Heiligen Drei Königen geschenkt wurden. Keine hat sich erhalten. Die meisten wurden in der Folge der Französischen Revolution eingeschmolzen. Über sie berichtet der englische Reisende Thomas Coryat im 17. Jahrhundert:

Ansicht der Achskapelle im Kölner Dom mit gotischem Gittergehäuse

In der Nacht vom 7. auf den 8. Oktober 1434 wütete am Niederrhein ein gewaltiger Orkan, der auch in Köln zahlreiche Schäden verursachte.

Unter anderem stürzte auf der Dachgalerie des Hochchores eine Fiale hernieder und durchschlug Dach und Gewölbe des Chorumganges und stürzte unmittelbar vor die Gitterkapelle mit dem Dreikönigenschrein. Wie durch ein Wunder blieb der Dreikönigenschrein unbeschadet. Noch heute erinnert eine Inschrift im Gewölbe an den Sturmschaden. Bald entstand hier eine Legende, die erstmals bei Aegidius Gelenius im 17. Jahrhundert niedergeschrieben und sogar in das Märchen- und Sagenbuch der Gebrüder Grimm aufgenommen wurde.

»Der gemeine Mann glaubt, der Teufel habe bei diesem Sturm den Stein herunter geschmissen, um die Ehre der H. drei Königen zu zernichten, und Gott habe ihm solches zugelassen; der Stein aber sey im Fallen von der graden Linie abgewichen. Man darf sich nicht befremden lassen, daß man dergleichen glauben könne, da aus so vielen Pyramiden nicht ein Stein durch so viele Jahrhunderte über die heil. drei Könige herab gestürzet.«

Deutsche Übersetzung nach Aegidius Gelenius: Maximilian Wilhelm Schallenbach: Historische Beschreibung der weltberümten stadtköllnischen Hohen Erzdomkirche …, Köln 1771, S. 60‒62.

Da das mittelalterliche Gittergehäuse im Laufe der Zeit verwahrlost war und hier angeblich sogar bereits Ratten und Mäuse ihre Nester hatten, erhielt 1668 der Kölner Bildhauer Heribert Neuss den Auftrag, an seiner Stelle ein barockes Mausoleum aus schwarzem Kalkstein, Alabaster und farbigem Marmor zu errichten.

Die Herstellung des Baues, der von außen und innen hell erleuchtet werden konnte, zog sich bis 1689 hin. Durch ein zentrales vergittertes Fenster konnte man auf den Schrein blicken. Das Relief darüber zeigte die Anbetung der Heiligen Drei Könige. Über dem Giebel prangte der Stern von Bethlehem. Im 18. Jahrhundert wurde das Mausoleum mit einem neuen Gitter und prachtvollen schmiedeeisernen Leuchtern ausgeziert. Nach 200-jährigem Bestehen wurde es Ende des 19. Jahrhunderts abgebrochen; die Fassade wurde jedoch 1920 als Dreikönigenaltar, heute Altar der Schmuckmadonna, im Nordquerhaus wiedererrichtet. Die Rückwand des Mausoleums wurde 2014 restauriert und steht seither im sogenannten Dreikönigssaal. Das zentrale Relief der Rückwand stellt die Ankunft der Gebeine der Heiligen Drei Könige in Köln im Jahr 1164 dar.

Dreikönigenmausoleum in der Achskapelle des Kölner Domes Kolorierte Lithographie, England, 1835

07

Dreikönigenverehrung vor 1794

Von der Verehrung der Heiligen Drei Könige über Jahrhunderte zeugen eine Fülle an Pilgerzeichen und Angerührtzetteln, die zwischen dem 12. und dem 20. Jahrhundert entstanden. Während im Mittelalter aus einer Legierung aus Blei und Zinn, seit dem 16. Jahrhundert auch aus Messing gegossene Pilgerzeichen vorherrschten, wurden diese ab der Mitte des 17. Jahrhunderts zunehmend von Angerührtzetteln abgelöst, die auf Papier oder Seidenstoffe gedruckt wurden. Auf diese ist zumeist aufgedruckt, gegen welche Übel sie helfen sollten:

»Dis an die Haüpter ῡnd Reliqῡien der hh: dreÿ Königen in Cöllen angestrichenes Briefflein ist gut für alle Reisgefahren Haῡptweh, fallende Kranckheit [Epilepsie], Fieber, Zaübereÿ ῡnd jahen Tod dῡrch einen festen glaῡben.«

Für die Stadt Köln war der Besitz der Reliquien der Heiligen Drei Könige von so herausragender Bedeutung, dass sie die drei Kronen in ihr Stadtwappen aufnahm. Die älteste erhaltene Darstellung des Wappens befindet sich in den Obergadenfenstern des Domchores, die um 1300 entstanden. Eventuell handelt es sich hier sogar um die erste öffentliche Präsentation des Wappens überhaupt.

Obergadenfenstern des Domchores
Ausschnitt aus dem Obergadenfenster des Kölner Doms Wappen der Stadt Köln

08

Flüchtung und Rückkehr

Am 29. September 1794 wurde der Dreikönigenschrein zusammen mit dem Großteil des Domschatzes, der Dombibliothek und des Domarchives vor den heranrückenden Truppen des französischen Revolutionsheeres ins Kloster Wedinghausen bei Arnsberg geflüchtet.

Die Reliquien der Heiligen Drei Könige waren separat verpackt worden. Der Reliquienschrein selbst war auseinandergenommen und in zwei separate Kisten verpackt worden. Insgesamt wurden an diesem Tag etwa 400 Kisten mit Dombesitz auf 32 Fuhrwerken in das Kloster geschafft. Andere Besitztümer waren bereits im August nach Arnsberg gebracht worden. Dorthin hatte sich bereits auch nahezu das gesamte Domkapitel zurückgezogen. Nur wenige Tage später, am 6. Oktober, wurde Köln von den französischen Truppen besetzt.

Kloster Wedinghausen Foto: „Propsteikirche, Arnsberg, Nordrhein-Westfalen.“ von Smial auf Wikipedia. Veröffentlicht unter CC BY-SA 2.0 de

Während die Reliquien der Heiligen Drei Könige in Arnsberg verblieben, gelangten die Kisten mit dem Domschatz und mit dem Dreikönigenschrein in den folgenden Jahren an verschiedene wechselnde Auslagerungsorte. Großteils kehrten sie 1798 nach Wedinghausen zurück. Als sich im August 1802 abzeichnete, dass Arnsberg mit dem Reichsdeputationshauptschluss an die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt fallen würde, schickte das Domkapitel 16 Kisten in das Haus des Scholasters der Stiftskirche St. Bartholomäus, Stefan Franz Anton Molinari, nach Frankfurt am Main. Während der Inhalt von fünf Kisten im Auftrag des Domkapitels verkauft wurde, gelang es Molinari, die übrigen 1 Kisten, darunter den Großteil des Dreikönigenschreines, vor einem Zugriff durch die Landgrafschaft und andere Nachfolgestaaten Kurkölns zu bewahren. Er wandte sich an den Vertreter der französischen Regierung in Frankfurt und ließ sie zum Besitz der französischen Republik erklären.

Landkarte

Im Juni 1803 kehrten die Kisten mit dem Dreikönigenschrein nach Köln zurück. Dieser war allerdings in einem schwer beschädigten Zustand. Vor allem waren die die Reliefs der unteren Dachflächen in Arnsberg zurückgeblieben. Sie wurden im September 1803 eingeschmolzen. Nachdem im Januar 1804 auch die Reliquien der Heiligen Drei Könige nach Köln zurückgekehrt und vorübergehend in einer Holzlade Aufstellung gefunden hatten, wurde der Schrein 1807/08 durch den Goldschmied Wilhelm Pullack wiederhergestellt. Der Schrein wurde dabei um ein Joch gekürzt, die verlorenen Dachflächen weitgehend neu gestaltet. Anschließend wurde der Schrein wieder im Dreikönigenmausoleum aufgestellt.

Obergadenfenstern des Domchores
Dreikönigenschrein vor der jüngsten Restaurierung

Anlässlich der Feierlichkeiten zum 700-jährigen Jubiläum der Ankunft der Dreikönigenreliquien in Köln 1864, holte man den Schrein aus dem Mausoleum und stellte ihn in der Vierung des Domes auf.

Damit war er erstmals an dem Ort zu sehen, an dem er eigentlich nach mittelalterlicher Überlieferung hätte stehen sollen. Nach Abschluss jener Jubiläumsfeierlichkeiten kehrte er jedoch nicht mehr in das Dreikönigenmausoleum zurück, sondern wurde aus Sicherheitsgründen in die neu eingerichtete Domschatzkammer unter der Empore des Nordquerhauses gebracht. Über ein Fenster, unter dem ein Dreikönigenaltar errichtet wurde, war er dort vom Nordquerhaus aus sichtbar.

09

Der Dreikönigenschrein im 20. Jahrhundert

Bereits im Ersten Weltkrieg war Köln Ziel vereinzelter Fliegerangriffe geworden, weshalb die Dombauhütte im Winter 1917/18 einige mittelalterliche Glasfenster ausbaute. Im Zweiten Weltkrieg war die Kölner Dombauhütte gut vorbereitet. So waren bereits 1937 Kisten zum Kriegsschutz produziert worden. Unmittelbar nach Kriegsbeginn am 1. September 1939 wurde die Domschatzkammer geschlossen und der Domschatz vollständig in Kisten verpackt.

Zunächst im Dom eingelagert, wurde der Dreikönigenschrein im Juli 1942 nach Schloss Pommersfelden bei Bamberg gebracht. Im September 1944 sollte er nach Fulda verlagert werden. Nach einem Fliegerangriff auf Fulda brachte man ihn aber stattdessen nach Siegen, wo der Schrein in einem Hochbunker gesichert werden sollte. Da sich dessen Türe als zu schmal herausstellte, musste der Schrein schließlich mitten während des Krieges nach Köln zurückgebracht und in einem eigenen Kunstbunker unter dem Nordturm verwahrt werden.

Als man 1948 die 700-Jahrfeier der Grundsteinlegung zum Kölner Dom feierte, lag die gesamte Kölner Innenstadt noch in Trümmern. Unter großen Anstrengungen hatte die Dombauhütte es geschafft, zumindest den vergleichsweise wenig beschädigten Domchor und das Querhaus provisorisch soweit wiederherzustellen, dass man diesen Bereich wieder öffnen konnte. In einer großer Prozession wurde der Dreikönigenschrein, begleitet von zahlreichen anderen Kölner Reliquienschreinen, durch die zerstörten Straßen der Stadt gefahren und in den Dom getragen. Seither steht er hinter dem Hochaltar.

10

Dreikönigenverehrung heute

2005 kamen weit über 800.000 Jugendliche, 759 Bischöfe, darunter 60 Kardinäle und rund 10.000 Priester aus der ganzen Welt nach Köln, um am Weltjugendtag teilzunehmen und zum Schrein der Heiligen Drei Könige zu pilgern.

Es handelte sich um die zahlenmäßig größte Veranstaltung in der Geschichte Kölns und schnell breitete sich in der ganzen Stadt eine frohe Wallfahrtsstimmung aus. Sie war auch der Auslöser für die Neubelebung der „Domwallfahrt“, die seit 2006 alljährlich um den Weihetag des Domes am 27. September stattfindet. Das eigentliche Wallfahrtsziel der Schrein der Heiligen Dreikönige gibt seit 2019 der inzwischen schon traditionellen Wallfahrt einen neuen Namen, der Anlass und Ziel besser verdeutlicht: „Dreikönigswallfahrt“.

Das Leitwort der Wallfahrt „Wir haben seinen Stern gesehen“ greift das Evangelium der Weisen aus dem Morgenland auf, die dem Stern nach Bethlehem folgten. Es gehört aber auch zum Pilgerlied, das zur 750-Jahrfeier der Grundsteinlegung des Domes 1998 entstand und nach allen Wallfahrtsgottesdiensten auf dem Pilgerweg im Dom gesungen wird.

Ein besonderes alljährlich wiederkehrendes Ereignis im Kölner Dom ist auch die Aussendung der Sternsinger. Alljährlich versammeln sich im Januar tausende Sternsinger im Kölner Dom, um von dort als „Heilige Drei Könige“ in die Häuser in ganz Deutschland ausgesendet zu werden, dort den Segen an die Haustüren zu schreiben und für bedürftige Menschen in der ganzen Welt zu sammeln.

i
Stern

Bildnachweise:

Hohe Domkirche Köln, Dombauhütte, W. Kralisch: Dreikönigenschrein, mittelalterlicher Holzkern, Davidseite: Die Heiligen Drei Könige predigen den Völkern; Dreikönigenschrein, mittelalterlicher Holzkern, Davidseite: Verehrung der Reliquien durch Könige

Hohe Domkirche Köln, Dombauhütte, Matz und Schenk: Chorschranken; Grabmal des Kölner Erzbischofs Rainald von Dassel; Dreikönigenmausoleum; Dreikönigenschrein; Hillinuscodex, Widmungsblatt; Binnenchor; Chorumgang, Gewölbe

Hohe Domkirche Köln, Dombauhütte, M. Unkelbach: Innenansicht

Hohe Domkirche Köln, Dombauhütte, R. Boecker: Fotos Domwallfahrt

Rheinisches Bildarchiv Köln/KSM/Wolfgang F. Meier: Ansicht der Achskapelle im Kölner Dom mit gotischem Gittergehäuse

Rheinisches Bildarchiv Köln: Dreikönigenschrein, vor der Restaurierung, 1958; Dreikönigenschrein in der alten Schatzkammer im Nordquerhaus, Ende 19. Jahrhundert

Hohe Domkirche Köln, Dombauhütte, Pia Modanese: Sternsinger

Alle anderen Hohe Domkirche Köln, Dombauhütte.