Mit Papst Benedikt und Gorbatschow auf Tuchfühlung – Verabschiedung des langjährigen Domküsters
Er ist ein Original und eigentlich aus dem Dom nicht wegzudenken. Aber mit 65 Jahren ist nun auch für Hermann-Josef Müller Schluss. Allerdings nur in der Sakristei. Orgeldienste will der verhinderte Kirchenmusiker weiterhin übernehmen.

„Alles hat seine zwei Seiten, aber die positiven überwiegen eindeutig.“ Domküster Hermann-Josef Müller ist nach 38 Jahren Dienst an der Hohen Domkirche mit seiner persönlichen Bilanz ganz zufrieden. Schließlich hat er in diesen fast vier Jahrzehnten Anstellung beim Metropolitankapitel Dinge erlebt, von denen manch anderer nur träumen kann. Im Kölner Dom gehen so viele Menschen ein und aus – in Spitzenzeiten und ohne Corona bis zu 20.000 täglich – dass es an diesem kirchlichen Arbeitsplatz in der Sakristei auch nie langweilig wird. Immerzu ist Müller damit beschäftigt, Gewänder für die Geistlichen herauszulegen, die gerade morgens im Stundentakt kommen, um Messe zu feiern. Oder aber er deckt die Altäre in den Seitenkapellen auf und ab. 

 

An Sonn- und Feiertagen oder zu Stoßzeiten wie in der Karwoche oder zur Advents- und Weihnachtszeit, wenn er auch als Krippenbauer gefragt ist, kommt es erstrecht darauf an, dass alles genau so ist, wie die Herren Geistlichen am Dom es wünschen, damit die Liturgie reibungslos gefeiert werden kann. Doch auch Müller selbst ist Perfektionist. In seinem ganz persönlichen Reich hat er das Sagen. Da kann er auch schon mal ungemütlich werden, wenn ihm jemand den Ablauf durcheinander bringt oder im letzten Moment unangemeldete Sonderwünsche sein Konzept torpedieren.

 

Doch genauso schnell, wie ein Gewitter heraufzieht, ist es auch schon wieder vorbei. Denn im tiefsten Herzen ist Müller ein Gemütsmensch und dazu „ne waschechte Kölner“, der auch mal Fünfe gerade lassen kann, zumal er seine typisch rheinische Frohnatur nicht verleugnet und letztlich aus „seinem“ Dom und dem ganzen Drumherum Lebensatem schöpft. „Ein bisschen komisch“ findet er es daher schon, dass mit einem Mal nun Schluss sein soll mit dem Arbeitsleben an diesem außergewöhnlichen Ort. Zwar geht der 65-Jährige offiziell erst am 31. Dezember in den Ruhestand, aber bis dahin baut er Überstunden ab und nimmt noch Resturlaub – auch für den momentanen Umzug aus dem Zentrum nach Bilderstöckchen. Die letzte Messe als verantwortlicher Küster hat er daher schon an diesem Sonntag gehabt – mit der Besonderheit: Zur Feier des Tages ist er gemeinsam mit seinen Kollegen Judith Maurer und Patrick Schroers in Prozession beim Pontifikalamt mit Weihbischof Steinhäuser miteingezogen. Einen würdigen Abschied ist sich Müller, der unter den Domkapitularen sowie auch allen anderen Dommitarbeitern als „kölsches Original“ gilt, schuldig.

 

Nicht unbedingt vorgezeichnet war dem gelernten Außenhandelskaufmann, der einige Jahre in einem mittelständischen Betrieb arbeitete, seine „Karriere“ innerhalb der katholischen Kirche, geschweige denn die am Dom. Jedenfalls hatte Müller selbst an einen Arbeitsplatz in Kölns Kathedrale zunächst nicht ansatzweise gedacht. Allerdings, wenn es so etwas wie eine genetische Disposition für eine bestimmte Berufssparte gibt, dann hat Müller sie. Schon der Großvater war Küster – in St. Michael im Belgischen Viertel. Von ihm übernahm der Sohn, und als auch dieser in Rente ging, beerbte schließlich Hermann-Josef Müller, der diese Kirche seit Kindheitstagen wie seine eigene Westentasche kennt, seinen Vater auf dieser Position. Schon als Jugendlicher hatte er in St. Michael oft den Vertretungsdienst an der Orgel übernommen, sogar mal von einer kirchenmusikalischen Ausbildung nach der Schule geträumt, und war parallel dazu ganz selbstverständlich in die Küsteraufgaben hineingewachsen, so dass ein Angebot, in die größte Kirche Deutschlands zu wechseln, letztlich nicht von ungefähr kam.

 

Wer mit wechselnden Dienstherren zu tun hat – Müller hat allein sechs Dompröpste erlebt – muss sich zwangsläufig ein dickes Fell zulegen und lernt, sich nicht gleich jeden Schuh anziehen, wenn es schon mal Stress in der Sakristei gibt. Schließlich hat jeder seine Persönlichkeit, und Müller weiß die vielen unterschiedlichen Diakone, Kapläne, Prälaten und Bischöfe, mit denen er Tag aus Tag ein zu tun hat, mit ihren Eigenheiten zu nehmen. „Natürlich, wenn etwas nicht rund läuft, ist der Küster schuld“, lacht er, wohl wissend, dass eigentlich auch viel Toleranz und ein großes Herz zu seiner Arbeitsplatzbeschreibung gehören. Und ein gerüttelt Maß an Loyalität. Auch daran hat es der langjährige Dommitarbeiter gegenüber seinen direkten oder auch nur indirekten Vorgesetzten wie den höchsten Würdenträgern, den Kölner Kardinälen, nie fehlen lassen. Eher mit gesundem Selbststand seine Meinung vertreten, die auch stets etwas galt. „Vom Altar geht alles aus. Küster ist deshalb kein Job, sondern eine Berufung“, zeigt er sich daher auch fest überzeugt. „Die muss man leben – erst recht an einer Kirche wie dem Kölner Dom.“

 

Und was bleibt von all den vielen Jahren in diesem besonderen Dienst? Das Domjubiläum 1998 werde er als einen der Höhepunkte in dieser Zeit nie vergessen, schwärmt Müller. „Die vielen Bischöfe und Kardinäle aus aller Welt und mit Kohl und Gorbatschow auf Tuchfühlung – das sind Momente, die bleiben für immer.“ Oder der Besuch von Papst Benedikt 2005 im Dom aus Anlass des Weltjugendtages. „Wahnsinn, was hier los war!“ Besonders gerne erinnert er sich da an eine Momentaufnahme, ein kurzes Vier-Augen-Gespräch, als sich der Heilige Vater, bevor er am Nordportal in sein Papa-Mobil einsteigt, ihm noch einmal zuwendet. „Und wenn ein Papst spricht, müssen natürlich alle anderen zurücktreten, so dass ich da mit einem Mal ganz alleine mit ihm stand und diese Begegnung auf alle Umstehenden ganz wichtig gewirkt haben muss. Aber ich konnte Dompropst Feldhoff später beruhigen“, fügt er mit einem lustigen Augenzwinkern hinzu, „das war kein Abwerbungsgespräch.“ 

 

Solche Anekdoten kann Müller endlos zum Besten geben. Auch darin ist er ein Unikat. Das bescheinigte ihm am Ende seines letzten Sonntagsgottesdienstes auch noch einmal Dompropst Guido Assmann, als er den scheidenden Küster zu sich an den Ambo bat. „Wir verabschieden uns von einer Institution, und eigentlich ist uns das unvorstellbar“, betonte er. „An den Gedanken, dass Sie von nun an nicht mehr da sind, müssen wir uns erst noch gewöhnen“, wandte er sich Müller herzlich zu. Dieser habe in seiner 38-jährigen Tätigkeit den Dienst des Domküsters geprägt. Dabei habe er oft lange vor und auch noch lange nach einem Gottesdienst fleißig im Hintergrund gearbeitet, viele unsichtbare Handgriffe bedacht, um stets für ein Gelingen der liturgischen Feierlichkeit Sorge zu tragen, würdigte Assmann Müllers Verdienste und dankte ihm für dieses Engagement. 

 

Deshalb erfülle er ihm auch gerne seinen letzten Wunsch. Denn wie in all den Jahren zuvor wird der zukünftige Ruheständler am Silvesterabend eine halbe Stunde vor Mitternacht in den Glockenstuhl steigen und um Null Uhr traditionell mit dem „Dicken Pitter“ das neue Jahr einläuten. Mit dieser letzten Amtshandlung geht dann an der Hohen Domkirche eine Ära zu Ende: Ein Urgestein nimmt Abschied.

 

 

 

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