„Corona lehrt uns Entschleunigung“
25 Jahre Domkantorei Köln - Im Interview: Winfried Krane, Leiter der Domkantorei Köln und der Kölner Domkapelle.

Alles, was sich der 1995 gegründete Erwachsenenchor am Kölner Dom für sein Jubiläumsjahr ursprünglich vorgenommen hatte, wurde nach und nach gestrichen. Trotzdem gebe es genug Grund zu Dankbarkeit, findet Chorleiter Winfried Krane.

 

Herr Krane, das 25-jährige Bestehen der Domkantorei Köln an diesem Sonntag sollte ein großes Fest werden. Nun steht es unter keinem guten Stern: Der zweite Lockdown durchkreuzt alle Pläne. Was hatten Sie ursprünglich vorgesehen?

 

Winfried Krane (Leiter der Domkantorei Köln und der Kölner Domkapelle): In jedem Jahr begehen wir den Geburtstag dieses Chores am Christkönigsfest, dem Sonntag vor dem ersten Advent, mit einer orchesterbegleiteten Messe im Kapitelsamt. Im Beethovenjahr wollten wir natürlich Beethoven huldigen und seine C-Dur-Messe singen. Bis auf die finalen Proben war längst alles vorbereitet. Auch eine Uraufführung war gedacht: Der Kirchenmusiker Robert Mäuser hat uns eine Vertonung des Psalms 117 „Nun lobet Gott im hohen Thron“, eine Motette für acht Stimmen, geschenkt. Umso bedauerlicher ist es nun, dass nichts von diesem Programm zur Aufführung kommt. Im Anschluss sollte es einen Festakt mit einem Rückblick auf unsere Chorgeschichte und der Ehrung aller Mitglieder geben, die von der ersten Stunde an mit dabei sind. Manche haben ja als Studenten angefangen, sind heute längst im Beruf und haben eine Familie. Gerade für die ist dieser Chor mehr als ein Hobby; etwas, was sie in ihr Leben fest integriert haben und was daher ganz tief liegt. Nun entsteht hier ein Vakuum, das wir alle schmerzlich empfinden, zumal wir uns sehr auf diesen besonderen Tag gefreut hatten. Natürlich werden wir am Sonntag trotzdem singen – aber eben unter Coronabedingungen. Das heißt, die Teilnahme für jedes Chormitglied ist freiwillig, und auch das Programm kann nur spontan aus dem Repertoire gestemmt werden, zumal der Probenbetrieb gerade eingestellt ist. Zum Glück aber ist Singen ja erlaubt…

 

Die C-Dur-Messe ist nicht das einzige Projekt, das in diesem Corona-Jahr dem Virus zum Opfer fällt…

 

Krane: Nein, leider fing es ja mit der Verschiebung des großen Burggrabe-Oratoriums „Lux in tenebris“ am 8. Mai zum Gedenken des Weltkriegsendes an. Diese Aufführung soll nun um genau ein Jahr verschoben werden. Dann hätten wir in den Herbstferien eigentlich eine Konzertreise nach Prag mit einem Auftritt im Veitsdom unternommen. Und am 29. Dezember sollte es – wie auch schon in den Vorjahren – wieder das Weihnachtsoratorium von Bach im Kölner Dom geben. Doch von all dem mussten wir uns bereits verabschieden, so dass von unseren anfänglichen Planungen bis auf die Beteiligung bei der Neunten Sinfonie von Beethoven am 3. Januar in der Kölner Philharmonie mit der Staatkapelle Weimar nichts übrig geblieben ist. Damals ahnte noch keiner, dass das unser vorerst größtes Konzerterlebnis in den Folgemonaten bleiben würde. Im Nachhinein war dieser Auftritt bedeutsamer, als wir zunächst dachten. Immerhin hatten wir im Beethovenjahr Gelegenheit, Beethoven zu singen.

 

Große Chorprojekte setzen immer fleißiges Üben voraus und auch ein hohes Maß an zeitlichem Engagement. Aber es fließt auch Herzblut. Wie kann der Verlust zurzeit aufgefangen werden?

 

Krane: Wir erleben gerade, dass wir in vielen Lebensbereichen ausgebremst werden und ein flächendeckender Flurschaden entsteht, wenn ich an die vielen Künstler denke, die im Kulturbereich gerade nicht arbeiten können und um ihre Existenz bangen. Als gläubiger Mensch frage ich mich: Was will uns Gott damit sagen? Ich habe darauf zwar keine Antwort, aber Tatsache ist doch, dass wir weg müssen von diesem höher, schneller, weiter. Und Corona lehrt uns gerade diese Entschleunigung.

 

Musik, wie wir sie machen, ist für mich meine Art, religiöse Gefühle auszudrücken. Denn der Zugang zum Religiösen geschieht bei mir wesentlich über die Musik. Das macht mich froh. Und so geht es vielen anderen auch. Da fehlt im Moment etwas ganz Entscheidendes. Und es macht schon traurig, wenn man ein Vorhaben nach dem anderen aufgeben  muss.

 

Wie ist diesbezüglich zurzeit die Stimmung im Chor?

 

Krane: In der Dommusik sind wir jetzt damit beschäftigt, die Advents- und Weihnachtsmessen zu planen. Also schauen wir nach vorne. Was davon im Einzelnen dann realisierbar ist, werden wir sehen. Natürlich vermissen wir die gemeinsame Probenarbeit. Aber wir bleiben motiviert. Für Ostern zum Beispiel steht etwas Neues auf dem Programm: eine „Messe solennelle“ für Chor und großes Orchester von Alexandre Guilmand. Und bis dahin gibt es hoffentlich auch endlich wieder Licht am Ende des Tunnels. Jedenfalls hoffen wir spätestens dann auf einen Normalbetrieb bei den Chören am Dom. Der Vorteil eines Erwachsenenchores ist ja, dass man die Sängerinnen und Sänger schnell wieder mobilisieren kann und das Repertoire mehr oder weniger abrufbar bleibt. Das ist bei den Kinderchören leider nicht so. Die haben dann fast ein ganzes Jahr verloren, und man muss wieder von vorne anfangen.

 

Von daher sind wir noch einigermaßen privilegiert. Trotzdem will ich nicht verhehlen, dass die gesamte Situation die Stimmung drückt. Alle vermissen die Gemeinschaft. Unsere Chöre am Dom sind ja auch eine Glaubensgemeinschaft, die trägt; da geht es nie allein nur ums Singen. Und als wir im Sommer wieder in kleinen Gruppen proben durften und später in der Aula unseres Chorzentrums sogar in voller Chorstärke, habe ich das wie eine Erlösung erlebt. Das ist ja auch für Technik wichtig, da am Ball zu bleiben. Nach diesem Zwischenhoch aber werden wir gerade jetzt in unserer Euphorie wieder merklich gedämpft.

 

Wie haben Sie das denn zwischenzeitlich erlebt, erst einmal nur in reduzierten Formationen zu singen?

 

Krane: Da hat sich dann gezeigt, wie professionell wirklich die Domkantorei arbeitet und wie stark die einzelne Stimme ist. Wenn man auf Abstand singt – wie auf dem neuen Chorpodest im südlichen Querhaus des Domes – tut das letztlich jeder für sich alleine. Ohne Orientierung am Nachbarn, weil er ihn schlichtweg kaum hört. Das erschwert gemeinsames Singen schon ungemein. Da ist einfach zum Ausgleich viel Disziplin notwendig. Als wir statt des ausgefallenen Konzerts „Lux in tenebris“ im Mai ein Video mit der Musik von Helge Burggrabe gedreht haben, musste sich dafür jeder zuhause selbst aufnehmen. Damit jeder dasselbe Tempo hatte, haben wir uns an einer Klavierfassung orientiert. Der Zusammenschnitt all dieser Einzelaufnahmen vermittelte dann einen Eindruck davon, was aus dieser Aufführung im Dom hätte werden können.

 

Aber es hat sich auch gezeigt, dass eine solche Vorgehensweise – ohne sich wirklich gegenseitig live zu erleben und zuzuhören – eine ungemeine Präzision erfordert, auf den Schlag genau zu singen und auch gemeinsam an denselben Stellen zu atmen. Das schließlich macht Chorsingen ja aus. Am Ende war dieses auf die Strebepfeiler der Domarchitektur projizierte Video dank der Technik von Kantorei-Mitglied und Domradio-Mitarbeiter Marcel Buckan, der die vielen Einzelaufnahmen übereinander gelegt hat, ein riesiger Erfolg. Auf eine sehr kreative Weise sorgte letztlich dieses Chorwerk, in das Bilder des zerstörten Kölns eingespielt wurden, für unvergessliche Gänsehautmomente. Diese Aufnahme war eine ganz neue Erfahrung und ist schließlich verdammt gut geworden.

 

Erlauben Sie einen Rückblick in die Entstehungsgeschichte der Domkantorei Köln. Wie kam es damals zur Gründung dieses zusätzlichen Ensembles am Kölner Dom? Immerhin gab es mit dem Kölner Domchor und dem Mädchenchor am Kölner Dom schon starke Chöre für die Liturgie…

 

Krane: Die Domkantorei ist aus den „Erzbischöflichen Musiktagen“ hervorgegangen, einer Initiative der Abteilung Schule/Hochschule im Erzbistum in Kooperation mit der Kölner Dommusik, bei der die Schüler der Oberstufe aller Erzbischöflichen Schulen zu Beginn der Fastenzeit jeweils fünf Tage lang ein bedeutendes geistliches Chorwerk miteinander einstudieren. Die Schüler von einst suchten damals nach einer Gelegenheit, auch nach dem Abitur noch weiter in einer festen Chorgemeinschaft geistliche Musik singen zu können. So kam es 1995 nach einer Konzertreise durch Venetien zu der Neugründung dieses stimmenmäßig zunächst sehr jungen Chores, der neben den anderen in der Tat leistungsstarken Chören am Dom bis heute als Schwerpunkt das Repertoire geistlicher Werke für gemischte Stimmen mit Orchesterbegleitung pflegt.

 

Mittlerweile ist die Domkantorei Köln genau mit diesem Profil und samt dem dazugehörigen Orchester, der Kölner Domkapelle, aus der liturgischen Musik am Dom nicht mehr wegzudenken. Ich kann meinem Chor viel zutrauen und abverlangen; er ist fleißig und belastbar – auch wenn seine Mitglieder keine Profis, sondern Amateure sind. Das heißt, sie lieben, was sie tun: nämlich anspruchsvolle Kirchenmusik auf hohem Niveau zu machen, wenn ihnen – wie gerade – Corona nicht einen Strich durch die Rechnung macht.

 

Was stimmt Sie zuversichtlich angesichts der vagen Zukunftsprognosen, was das Chorsingen in nächster Zeit angeht?

 

Krane: Wie gesagt, wir beschäftigen uns mit einer neuen Herausforderung. Jeder studiert zuhause schon mal fleißig die Noten dieser für uns bislang unbekannten Messe von Guilmand. Und dann haben wir Vertrauen, dass es irgendwann auch wieder losgeht. Mit dem im Sommer in Betrieb genommenen Neubau am „Kardinal-Höffner-Haus“, unserem Chorzentrum, stehen uns nun noch zusätzlich große Räume zur Verfügung, die gut durchlüftet werden können und die beste Voraussetzungen für die Probenarbeit schaffen. Das sind geradezu optimale Bedingungen, um den Chorbetrieb schon bald wieder aufnehmen zu können. Und am Sonntag singen wir erst einmal im Kapitelsamt – wenn auch ein weitaus abgespeckteres Programm als das, mit dem wir eigentlich unseren 25. Geburtstag feiern wollten. Ich meine, wir haben – trotz dieser unsicheren Zeiten – allen Grund, dankbar zu sein.

 

26 Mitgliedern der Domkantorei Köln singen am 22. November im Pontifikalamt, das Weihbischof Dr. Dominikus Schwaderlapp zum Christkönigsfest um 10 Uhr im Kölner Dom zelebriert, die Messe Chorale für Chor und zwei Orgeln von Charles Gounod und außerdem zum Eingang die Motette „O Lord, you are my God and King“ von Hubert Parry. Die musikalische Leitung hat Winfried Krane.

 

 

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