„Geborgen und mitten unter den Menschen“
Dompropst Assmann verrät seinen Lieblingsort im Kölner Dom

Nichts in der Liturgie geschieht unbegründet oder gar zufällig. Nicht einmal die manchmal schier endlos scheinende Prozession der einziehenden liturgischen Dienste, Priesteramtskandidaten und Geistlichen unter feierlichem Orgelbrausen folgt einem Beliebigkeitsprinzip. Im Gegenteil. Es ist genau festgelegt, wer den langen Zug anführt und wer das „Schlusslicht“ bildet. Sie alle folgen Christus, dessen Bildnis am Kreuz durch die Messdiener vorangetragen wird. Der Hauptzelebrant geht stets am Ende. Was an Sonntagen meist ein Domkapitular ist, mitunter aber auch ein Weihbischof oder an Hochfesten eben der Erzbischof selbst, vor dem sich dann unmittelbar die an Dienstjahren ältesten Domkapitulare aufstellen, während das jüngste, zuletzt dazugekommene Mitglied ganz vorne links zu finden ist.

 

„Das hat etwas Beruhigendes, dass jeder seinen Platz genau kennt, und verhindert umständliches Suchen, selbst wenn sich jemand erst im letzten Moment einreiht“, findet Monsignore Guido Assmann, der nicht erst als Dompropst, sondern schon in seiner Zeit als nichtresidierender Domkapitular mit diesen Gepflogenheiten am Dom vertraut geworden ist. Eine solche Rangordnung nach zeitlich erfolgter Zugehörigkeit zum Domkapitel sei in sich stimmig, erleichtere einfach den Ablauf und habe im Übrigen mit dem Kardinalskollegium bei päpstlichen Synoden in Rom auch ein prominentes Vorbild, erklärt der 57-Jährige.

 

Konsequent fortgesetzt und noch einmal besonders augenfällig wird diese geltende Regel im Chorgestühl des Binnenchores, Assmanns Lieblingsort im Kölner Dom, wie er bekennt. „Wer als Domkapitular neu eingeführt wird, leistet nicht nur den Amtseid, spricht das Glaubensbekenntnis und bekommt Kapitelsstern, Mozetta sowie Birett überreicht, es wird ihm als offizielle Amtshandlung auch sein Platz im Chorgestühl zugewiesen, der von nun an für ihn reserviert bleibt.“ Das sei nun mal Teil des „heiligen Spiels“, als das Liturgie auch definiert werde. „Scheidet jemand aus dem aktiven Dienst der zwölf residierenden und vier nichtresidierenden Domkapitulare an der Hohen Domkirche aus, wird sein Platz im Kapitel nachbesetzt. Verstirbt er, verhängt man seinen Sitz im Chorgestühl mit einem schwarzen Tuch – als Aufforderung an die Übrigen, für den Verstorbenen zu beten.“

 

Für Assmann sind die beiden hölzernen Bankreihen aus dem Mittelalter mit ihrem gleichermaßen originellen wie aufwendigen Schnitzwerk – mit seinen 104 Sitzen gilt das Kölner Chorgestühl als das deutschlandweit größte – darüber hinaus Rückzugsort. Immer mal wieder im Verlauf einer Woche kann es sein, dass er sich hier einen Augenblick des Innehaltens in der geschäftigen Betriebsamkeit eines ansonsten vollen Sitzungstages gönnt. „Zum Runterkommen und Krafttanken“ sagt er über diese Momente, für die er sich dann ins Chorgestühl, wo Publikumsverkehr nicht zulässig ist, zurückzieht und diese „Oase der inneren Ruhe“ genießt.

 

„Trotz der Größe des Raumes komme ich mir nicht verloren vor, vielmehr fühle ich mich geborgen hier an meinem Platz und bin dennoch mitten unter den Menschen.“ Hier erlebe man das ganze Ausmaß an Höhe, Tiefe und Breite dieser Kathedrale, samt ihrer spirituellen Sogwirkung. „Schließlich ist sie zuallererst ein Ort der Gottesverehrung. Und dann erst Weltkulturerbe oder die meistbesuchte Sehenswürdigkeit Deutschlands“, unterstreicht Assmann. Er betrachte es als seine Aufgabe, immer wieder neu außer-, aber auch innerhalb des Domes für dessen ureigenes Selbstverständnis zu werben.

 

„So wie das Chorgestühl in Klöstern für das Stundengebet da ist, kommt ihm auch in der Domliturgie eine wichtige Rolle zu.“ Nicht nur, dass hier jeden Sonntagabend – seit Corona – das Chorgebet stattfinde und einmal im Monat auch die Kapitelsvesper – „das Chorgestühl ist für uns Domkapitulare Gebetsort, wo wir unserem vornehmsten Dienst nachkommen“, betont er. Schließlich werde der Eucharistiefeier und dem Gebet alles andere untergeordnet. „Die tägliche Messe im Dom steht für mich immer an erster Stelle; alles andere ist nachrangig.“ Und das ist im Terminkalenders eines Dompropstes, der als Vorsitzender des Domkapitels für die Umsetzung aller dort gefassten Beschlüsse und insgesamt 180 Mitarbeiter in den Bereichen Dombauhütte, Domseelsorge, Domrendantur, Dommusik, Domküster und Domschweizer zuständig ist sowie die permanente Außenwirkung von Kölns berühmten Wahrzeichen, nicht gerade wenig.

 

„Doch wenn ich hier sitze und bete, ist die große Verantwortung für eine kleine Weile mal ausgeblendet und ermöglicht vorübergehend die Fokussierung auf das Eigentliche.“ Dann gehe es mal nicht um Überlegungen, wie viele Führungen der Dom in Pandemiezeiten vertrage, wie diese Kirche und ihre Botschaft mehr in die Stadtgesellschaft hineinwirken oder die vielen Medienanfragen bewältigt werden könnten. „In solchen Momenten nehme ich die vielen Geräusche um mich herum wahr: die Menschen, die hier als Touristen einkehren und ihre Fragen mitbringen, die Handwerker, die selbstverständlich ihre Arbeit verrichten, oder das Leben draußen, wenn gerade die Züge quietschend in den Hauptbahnhof einfahren.“ Es sei ein gutes Gefühl, mitunter zwischen Mitarbeitergespräch und Mittagsgebet oder Beichtstuhl und Abendmesse für eine begrenzte Auszeit kurz abschalten zu können und diesen ganz eigenen Geräuschpegel, der in Coronazeiten allerdings deutlich unter dem sonst üblichen liege, auf sich wirken zu lassen.

 

„Jeder hat ja auch zuhause meist eine Lieblingsecke, die er besonders heimelig findet, wo er sich am liebsten aufhält. So geht es mir manchmal mit dem Chorgestühl, wenn ich hier für einen Augenblick mal ganz für mich bin. Dann spüre ich diese unglaubliche Geborgenheit einer Beheimatung: Ich bin allein – vor Gott – und doch mittendrin in diesem quirligen, vielseitigen und reichen Leben dieses so einzigartigen Gotteshauses.“

 

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