„Zu keiner Zeit aktueller als gerade jetzt“ – Großes Domkonzert mit Haydns „Schöpfung“
Aufatmen bei der Kölner Dommusik: Nach einem Jahr coronabedingter Zwangspause findet im Dom endlich wieder ein großes Konzert statt. Es singen Jugendliche aus dem Kölner Domchor und dem Mädchenchor am Kölner Dom. DOMRADIO.DE überträgt live.

„Der Flut entstieg auf sein Geheiß der allerquickende Regen, der allverheerende Schauer…“ Was der Erzengel Raphael als einer der Erzähler in Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ zur Entstehung der Welt berichtet – auch über Unwetter, deren Stürme, Blitze und Donner – bekommt in diesen Wochen eine unfreiwillige Aktualität. Während der Himmelsbote Wasser zunächst einmal als Segen für jede Form von Leben besingt, kann es aber im Übermaß von oben auch zu einer verheerenden Naturkatastrophe führen und – wie es die Folgen des 14. Juli im Ahrtal und weiten Teilen von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen zeigen – die von den sintflutartigen Überschwemmungen betroffenen Menschen nachhaltig traumatisieren, ihnen alles nehmen, was einmal ihre Existenz ausgemacht hat.

 

Doch mit einem solch verstörenden Unglück konnte vor ein paar Monaten niemand rechnen, als sich die Kölner Dommusik, namentlich Domkapellmeister Eberhard Metternich, und das Gürzenich-Orchester Köln auf diesen Klassiker der Oratorienliteratur verständigten und nach einem Jahr Konzertabstinenz ihr traditionelles „Großes Domkonzert“ für den Frühherbst verabredeten – immer in der Annahme, dass dann die pandemische Lage weithin und anhaltend unter Kontrolle gebracht und gemeinsames Musizieren im Kirchenraum auch in größerer Formation wieder möglich ist. Daher war aus den Reihen der Instrumentalisten, aber auch den Verantwortlichen der Dommusik zur Programmwahl zu hören, dass das Thema eines Neubeginns, wie es dem Schöpfungsbericht zugrunde liegt, besser nicht passen könnte: als ein Symbol für die Freude aller Musikschaffenden, endlich wieder gemeinsam mit dem Publikum Musik live erleben zu dürfen. Zugleich aber, so teilen die Gürzenicher in einem Statement mit, sei „Die Schöpfung“ auch ein Bekenntnis zu Hoffnung und Vertrauen: Denn Haydns Vertonung des Librettos von Gottfried van Swieten ende mit der Schilderung des Paradieses, eines Idealzustands zwischen Gott und aller von ihm geschaffenen Kreaturen.

 

Dommusik-Leiter Metternich, Veranstalter der Domkonzerte, geht sogar noch einen Schritt weiter: „Angesichts der Ereignisse der letzten Wochen ist das Schöpfungsthema allgegenwärtig und könnte zu keiner Zeit virulenter sein als gerade jetzt. Die Flutkatastrophe konfrontiert uns mit unserer Verantwortung für diese Erde, stößt uns geradezu darauf zu überdenken, wie wir uns über die Schöpfung erheben, uns ihrer bemächtigen und sie missbrauchen.“ Besonders für junge Leute sei das ein brandaktueller Denkanstoß, das Verhältnis zwischen Mensch und Schöpfung zu reflektieren und sich klar zu machen, welchen Einfluss jeder Einzelne selbst auf das Klima nehmen könne.

 

Da scheint es kein Zufall, dass es diesmal 42 Jugendliche aus dem Kölner Domchor und dem Mädchenchor am Kölner Dom sind, die sich – wie schon so manches Mal in der Vergangenheit – wieder zu einem ensembleübergreifenden Projektchor zusammengeschlossen haben und den anspruchsvollen Chorpart des Oratoriums stemmen. Gemeinsam mit dem Orchester musizieren sie vom südlichen Querhaus aus, um – wie bei den Gottesdiensten – weitestgehenden Abstand zum Gesangsnachbarn halten zu können. „Die Sängerinnen und Sänger zwischen 15 und 25 Jahren waren die Gruppe, die auch während der Pandemie ständig im Einsatz war und uns am Dom – weil sie über ein großes Repertoire und genügend Erfahrung verfügt, also eine verlässliche Leistung auch ohne viel Probenarbeit erbringt – durch die Krise getragen hat“, erklärt Metternich anerkennend dazu. Dass diese Jugendlichen nun das erste große Konzert nach einem Jahr bestreiten würden, solle auch so etwas wie ein Dank für ihr ungebrochenes Engagement sein. „Alle sind hochmotiviert, beflügeln sich gegenseitig und passen in der Klangqualität ihrer Stimmen ganz hervorragend zueinander. Da bedeutet es Freude pur, ein solches Werk miteinander anzugehen.“

 

Am Pult des Gürzenich-Orchesters steht bei dieser Neuauflage der nun schon seit zehn Jahren bestehenden Kooperation zwischen Dommusik und Gürzenich-Orchester der junge französische Dirigent Raphaël Pichon, selbst einst Chorknabe, ausgebildeter Counter-Tenor, durch und durch Chor-Enthusiast und mittlerweile Gast bei vielen namhaften Orchestern als ausgewiesener Spezialist für historische Aufführungspraxis. Auch das Terzett der drei Vokalsolisten ist mit Regula Mühlemann, Julian Prégardien und Thomas E. Bauer prominent besetzt. Gerade die Schweizer Sopranistin Mühlemann gilt als eine der gefragtesten und international erfolgreichsten Sängerinnen der jüngeren Generation, die sich vor allem als Mozart-Interpretin und Verpflichtungen an der Wiener Staatsoper, dem Opernhaus Zürich

 

oder der Berliner Staatsoper Unter den Linden einen Namen gemacht hat. Kurzum: Die Aufführung von Haydns Schöpfung verspricht in der Tat, nach Zeiten der Entbehrung ein lang herbeigesehntes Fest zu werden – mit einer Musik der Zuversicht.

 

Das Konzert am 8. September wird live um 20 Uhr in Bild und Ton auf DOMRADIO.DE übertragen sowie auf der Facebook-Seite des Kölner Doms und der Kölner Dommusik. Die Ticketvergabe ist bereits über ein Losverfahren erfolgt.

 

Das Gürzenich-Orchester Köln verzichtet auf sein Honorar und will es stattdessen den Flutopfern spenden. Eine Unterstützung dieser Aktion ist jederzeit möglich in Form einer Türkollekte am Ausgang des Domes oder für alle Zuhörer an den Empfangsgeräten perÜberweisung auf folgendes Konto: Kölner Dom, IBAN DE27 7060193 0013 6760 54.

 

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