„Musik gibt Halt im Glauben“ – Kirchenmusikerin übernimmt Assistenz beim Kölner Domchor
Eine junge Frau, die mit einem Knabenchor arbeitet? Das ist eher selten, in der Kölner Dommusik aber möglich und sogar gewollt. Erste Erfahrungen hat Anna Goeke zuvor als Assistentin des Mädchenchores gesammelt. Nun hat sie den direkten Vergleich.

Frau Goeke, nach zwei Jahren Assistenz bei Domkantor Oliver Sperling und den Sängerinnen am Mädchenchor des Kölner Domes sind Sie am 1. September zum Kölner Domchor gewechselt, wo Sie von nun an mit Domkapellmeister Eberhard Metternich zusammenarbeiten und in die Probenarbeit mit dem Knabenchor einsteigen. Das hat es so noch nicht gegeben. Was macht den Unterschied?

 

Anna Goeke (Musikalische Assistentin des Kölner Domchores): Grundsätzlich ist die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen immer sehr besonders und erfüllend. Egal ob Mädchen- oder Knabenchor. Ziel ist es, die jungen Menschen zu begeistern und zu motivieren, damit sie ihre Persönlichkeit entwickeln. Der musikalische Anspruch, den wir an beide Chöre stellen, ist derselbe. Die individuelle Arbeit mit dem Mädchenchor unterscheidet sich dann aber doch noch einmal von der mit dem Domchor: Jungen sind oft aktiver und haben meist einen größeren Bewegungsdrang. Die Mädchen ticken da anders, denken anders, haben andere Verhaltensweisen. Kleines Beispiel: Während Jungen in Probenpausen häufig Fußball spielen, sich auspowern, unterhalten sich die Mädchen eher miteinander.

 

Und grundsätzlich ist die Altersstruktur eine andere: Da die Mädchen eine viel weniger intensive und einschneidende stimmliche Mutation durchmachen, können sie quasi ohne Unterbrechung im Chor singen. Nach dem Abitur ist es dann üblich, dass sie den Chor verlassen. Im Domchor ist das anders: Da fallen viele Knaben im Stimmbruch zum Teil ein Jahr oder länger aus. Ihre Stimmen brauchen Zeit, bis sie sich zu einer gesunden Männerstimme entwickelt haben und sie dann wieder in den Chor einsteigen können. Eine ganz besondere Erfahrung für die Sänger, zunächst einige Jahre im Sopran oder Alt zu singen und dann als Bass oder Tenor wiederzukommen. Deshalb bleiben viele Männerstimmen über ihr Abitur hinaus noch im Chor. Und so ist die Altersspanne beim Domchor einfach größer. Außerdem gibt es die zeitliche Begrenzung, dass die Knaben nach wenigen Jahren als hohe Stimme in den Stimmbruch kommen, bei den Mädchen so nicht. Vielleicht kann man sagen, dass dadurch die Arbeit mit einem Mädchenchor etwas kontinuierlicher ist, die mit einem Knabenchor ständig im Wandel.

 

Gibt es denn auch etwas, was in beiden Chören gleich ist?

 

Goeke: Wie gesagt, das Ziel ist dasselbe: die Stimme zu formen, eine Gemeinschaft zu bilden, gemeinsam mit Freude zu musizieren. Sowohl Knaben als auch Mädchen lassen sich gleichermaßen für und von klassischer Musik begeistern, wenn man den richtigen Zugang findet. Das dann entstehende gemeinsame Musizieren schafft sowohl beim Mädchen- als auch beim Knabenchor ein ungeheuer starkes Gemeinschaftsgefühl. In der individuellen Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen braucht es allerdings manchmal unterschiedliche pädagogische Herangehensweisen, man muss sich immer wieder miteinander auf einen Entwicklungs- und Wachstumsprozess einlassen. Auch wenn der Weg manchmal ein anderer ist, am Ende wollen wir alle nur eines: gute Musik miteinander machen. Dabei soll jeder einbezogen werden und sich frei entfalten können – ganz nach seinen individuellen Möglichkeiten. Dazu darf in den Proben auch Interaktion stattfinden. Es geht nicht darum, dass einer vorgibt, wo es lang geht. Musik entstehen zu lassen – in dieser Innigkeit, wie es unser Anspruch ist – bedarf einer ganz sensiblen Arbeit und ist ein schmaler Grat, auf dem man sich bewegt.

 

Die Pandemie hat die Arbeit von Kulturschaffenden und speziell auch Ihre über viele Monate ausgebremst. Wie läuft derzeit die Probenarbeit mit den Nachwuchskräften der Domchöre?

 

Goeke: Man konnte während des Lockdowns in den Chören einen wahnsinnigen Zusammenhalt spüren, auch wenn alles nur online stattfinden konnte. Und bei den ersten Proben in Präsenz war es dann sehr schnell möglich, sich innerhalb kürzester Zeit wieder zusammenzufinden. Enorm, was da an Routine und Erfahrung aus den Vorjahren abrufbar war, wenn ich da nur an das Große Domkonzert mit Haydns „Schöpfung“ vor wenigen Tagen denke. Dass dann trotz Corona und eingeschränkter Probenzeiten eine so tolle Musik möglich ist! Bei der eigentlichen Probenarbeit jetzt mit den Knaben geht es mir primär um die Frage: Wie schaffe ich es, dass ein Kind etwas nachhaltig lernt, also eine Transferleistung schafft und erworbenes Wissen später in anderen Lebenslagen anwenden kann? Jedes Kind hat seine Stärken und Schwächen. Und trotz dieser großen Gruppe geht es in der Dommusik immer auch um individuelle Förderung und die positive Verstärkung des Könnens jedes Einzelnen – ohne jeden Frust. Ich finde, das ist schon eine ganz bemerkenswerte Leistung, wenn sich zwei Elf- oder Zwölfjährige in eine riesige Kathedrale stellen – wie es im letzten Jahr oft der Fall war – und sich trauen, als Solisten ein Kapitelsamt zu gestalten.

 

Sie sind bereits ausgebildete Kirchenmusikerin Was kann man als Assistentin der Kölner Dommusik denn noch für die Praxis lernen?

 

Goeke: Um noch einmal auf die Schöpfung zurückzukommen: Man erlebt zum Beispiel mit, wie ein zweistündiges Werk einstudiert wird. Man lernt, sich selbst auszuprobieren, und sammelt viele Erfahrungen, etwa wie man Jugendlichen diese klassische Musik nahe bringt, dass sie am Ende für einen Auftritt – in der Kirche oder auch in der Philharmonie – brennen, oder dass man mit den Kindern ihren Part für die nächste Opernmitwirkung im Staatenhaus so vorbereitet, dass sie bei der Aufführung an der Seite von Profis überzeugen und sich wunderbar in die Gesamtproduktion integrieren. Und man erfährt, dass man sich als Leiter auf die Gruppe verlassen kann, die Arbeit von gegenseitigem Vertrauen lebt – auch von dem Vertrauen, das die Chorleiter Sperling und Metternich ihren Assistenten entgegenbringen. Das alles ist goldwert. Man spürt die Stärke dieses Teams, das sich gut ergänzt. Und man lernt Präzision, nämlich: Was brauchen die Kinder, um im entscheidenden Moment auf dem Punkt zu sein. In der Summe macht das einfach unglaublich viel Spaß, weil so viele unterschiedliche Aufgaben zusammenkommen: Stimmbildung, Kantorendienste in den Gottesdiensten, Opern, Konzerte – im Moment nur leider nicht so viele Reisen, obwohl auch die für die Gemeinschaftsbildung elementar wichtig sind. Die kommen sonst auch noch on top. An all dem beteiligt zu sein macht mich unendlich dankbar.

 

Und was steht gerade auf dem Programm? Worauf dürfen sich Freunde geistlicher Chormusik demnächst freuen?

 

Goeke: Für ein Aufnahmeprojekt zusammen mit dem Kölner Kammerorchester studieren wir gerade die „Dominicus-Messe“ von Mozart ein, wozu es auch in der Philharmonie ein Konzert geben wird. Dann laufen parallel die Opernprojekte „Die tote Stadt“ und demnächst für den Advent bereits „Hänsel und Gretel“. Nicht zuletzt gibt es immer wieder auch neue Liedsätze oder Motetten für die Gottesdienste. Und natürlich sind wir momentan auch noch damit beschäftigt, nach den Sommerferien zurück in den Normalbetrieb zu finden.

 

Erst vor ein paar Tagen haben Sie mit der Leitung einer Aufführung des „Deutschen Requiems“ von Brahms in St. Aposteln, bei dem Studierende der Musikhochschule die Klavierfassung gesungen haben, Ihr Master-Examen in Kirchenmusik abgelegt. Mit beachtlichem Erfolg. Was macht mehr Freude: mit jungen Erwachsenen zu arbeiten oder mit Kindern?

 

Goeke: Beides ist total wertvoll und auf seine je eigene Weise spannend. Für einen selber ist es eine Bestätigung, wenn man die Lernfortschritte von Kinder begleitet. Man muss sie ja erst einmal von ihren eigenen Fähigkeiten überzeugen, ihnen zeigen, was möglich ist. Dann muss man sie für das Stück motivieren und nimmt gleichzeitig eine pädagogische Aufgabe wahr. Alle fangen auf der gleichen Ebene an, starten mit denselben Voraussetzungen. Bei den Erwachsenen – zumal Musikstudierenden, mit denen ich jetzt Brahms gemacht habe – kann man Notenkenntnisse voraussetzen. Hier geht es mehr um die Formung des Klangs, wobei man sich auf Augenhöhe begegnet. Außerdem hat jeder ein Brahms-Requiem oder eine Haydn-Schöpfung schon mal gesungen, da bringen die meisten also auch schon eine bestimmte Vorstellung mit, sind selbst ja fast Profis. Gerade deshalb ist es eine besondere Ehre, mit Kolleginnen und Kollegen von der Hochschule ein derart großes Projekt wie das Brahms-Requiem zu realisieren. Auch weil es sehr beflügelnd ist, wenn man dann zu einer gemeinsamen Interpretation findet und so etwas Schönes als Gemeinschaftswerk entsteht. Dieses Abschlussprojekt für den Master war ein absolutes Luxusprojekt, mit dem ich mir einen Herzenswunsch erfüllen durfte.

 

Was bringt einen jungen Menschen dazu, sich für Kirchenmusik zu interessieren – in Zeiten, in denen inner- und außerhalb der Kirche gerade ein rauer Wind geht? Muss man da seine Berufswahl nicht manchmal nach außen verteidigen?

 

Goeke: Kirchenmusik ist ungemein vielfältig: Da gibt es die Instrumentalmusik, den Gesang, Orchesterleitung, Chorleitung. Man wird hier sehr breit aufgestellt. Eigentlich ist das ein „Studium generale“. Und der Glaube ist die Grundlage. Es gibt einen großen Schatz an geistlicher Musik, wobei der Schwerpunkt sicher auf der Vokalmusik liegt. Und dann gibt es diese tollen Räume. Außerdem ist man ganz frei, eigene Akzente zu setzen. Ich mag die Arbeit mit Menschen, das Gemeinschaftsgefühl, das sich einstellt, wenn man miteinander Musik macht. Also, Kirchenmusik bietet unendlich viele Möglichkeiten. Selbst wenn die Zeiten innerkirchlich gerade nicht einfach sind und mancher in seinem Glauben erschüttert wird, kann man mit Musik viel Gutes tun, die Menschen bewegen. Musik machen ist Balsam für die Seele. Und Musik gibt Halt im Glauben. Das war immer schon so, wie auch der Glaube die Menschen nach tausenden Jahren immer noch trägt. Das ist doch etwas Großartiges und etwas ganz Besonderes, wenn man dieses Gefühl an andere Menschen weitergeben kann.

 

Ihrem Masterstudium der Kirchenmusik schließen Sie nun noch ein Chorleitung-Studium an…

 

Goeke: Richtig, ich freue mich sehr, mich nach dem breitgefächerten Kirchenmusikstudium im Fach Chorleitung spezialisieren zu dürfen. Die Arbeit mit den Chören am Kölner Dom bietet dabei weitere sehr wertvolle praktische Erfahrungen, über die ich sehr glücklich bin.

 

Am Sonntag haben Sie zum ersten Mal eigenständig das Chorgebet im Kölner Dom mit den Knaben des Domchores geleitet. Was verknüpfen Sie mit dieser geistlichen Stunde am Abend?

 

Goeke: Es standen unter anderem wunderbare Mendelssohn-Motetten auf dem Programm. Ich war total gespannt auf den Chor und neugierig, wie das werden würde, wie wir uns bei dieser „Premiere“ miteinander arrangieren würden. Das Chorgebet ist ein ganz besonderes Format: sehr meditativ. Vor dem Start in die Woche bietet es einen Ruhepunkt. Diese 45 Minuten geben einem viel. Und jeder kann für sich auch einen persönlichen Anknüpfungspunkt finden. Ich habe festgestellt, dass gerade auch die Kinder, die sich ja mit ihren Fürbitten einbringen, mit einem solchen Format mehr anfangen können als mit einer Eucharistiefeier. Dieses Gebet verleitet einen dazu, zur Ruhe zu kommen. Das gilt für alle Generationen. In jeder Beziehung ist das einfach etwas zum Genießen.

Hier können Sie direkt die Bilder anfordern
News
15.09.2021
Tag der offenen Tür in der Kölner Domsingschule

Herzliche Einladung am Samstag, den 25. September und den 30. Oktober 2021 von 11 bis 13 Uhr.

09.09.2021
Ausstellung "Der Dom und >die Juden<" ab sofort im Kölner Dom zu sehen

Die Ausstellung "Der Kölner Dom und ›die Juden‹. Zur christlichen Sicht auf das Judentum", deren Stelen in den Sommermonaten im Foyer des Domforums besichtigt werden konnten, ist ab sofort bis zum Ende des Jahres außerhalb der liturgischen Zeiten im Dreikönigensaal des Kölner Domes zu sehen. Die Ausstellung beschäftigt sich mit den jüdischen Wurzeln des Christentums ebenso wie mit dem christlichen Antijudaismus, der über viele Jahrhunderte zu Ausgrenzung und Verfolgung von Jüdinnen und Juden geführt hat.

09.09.2021
Dreikönigswallfahrt 2021: Geistliche Führungen und besondere Gottesdienste

Auch in diesem Jahr lädt das Domkapitel im Vorfeld des Weihetags der Kölner Kathedrale am 27. September zur Dreikönigswallfahrt ein. Traditionell führt in diesen Tagen ein besonderer Pilgerweg durch den Dom: Am Heiligen Christophorus und an der Mailänder Madonna vorüber zum Dreikönigsschrein, dann zum Gerokreuz, zur Schmuckmadonna und zur Kapelle der Barmherzigkeit. Darüber hinaus wird die Wallfahrt von zahlreichen Gottesdiensten, geistlichen Führungen und musikalischen Impulsen geprägt.

07.09.2021
„Zu keiner Zeit aktueller als gerade jetzt“ – Großes Domkonzert mit Haydns „Schöpfung“

Aufatmen bei der Kölner Dommusik: Nach einem Jahr coronabedingter Zwangspause findet im Dom endlich wieder ein großes Konzert statt. Es singen Jugendliche aus dem Kölner Domchor und dem Mädchenchor am Kölner Dom. DOMRADIO.DE überträgt live.

31.08.2021
„Wir sind Visitenkarte und Aushängeschild“ - Domschweizerin Nicole Reitgruber gibt Einblick in ihre Arbeit

Wer im oder am Dom arbeitet, betrachtet Kölns Kathedrale aus seiner ganz persönlichen Perspektive. Und er oder sie entwickelt oft eine besondere Vorliebe für einen bestimmten Platz. Für Domschweizerin Nicole Reitgruber ist das der Eingangsbereich.