„Den typischen Dom-Geruch vergisst man sein Leben lang nicht mehr“
Interview mit der Sopranistin Anna Lucia Richter

Als gefeierte Sopranistin ist Anna Lucia Richter mit 30 Jahren bereits auf den großen Bühnen der Welt zuhause. Doch begonnen hat ihre Karriere einst im Mädchenchor am Kölner Dom. An diesem Sonntag kehrt sie mit Bach an den Ort ihres ersten Solos zurück.

 

Frau Richter, in der Regel sind Sie in internationalen Konzertsälen und großen Opernhäusern zu Gast. Sie leben in Wien und sind für einen Auftritt in der Kölner Philharmonie am vergangenen Dienstag wieder einmal in Ihre Heimatstadt Köln gekommen. Wie ist das, heute Abend nach langer Zeit einmal wieder im Kölner Dom zu singen, wo einst das Fundament für Ihren heutigen Weg als gefragte Liedsängerin, aber auch dramatische Interpretin im Opernfach gelegt wurde?

 

Anna Lucia Richter (Sopranistin): Sehr schön. Im Dom zu sein war und ist immer etwas Besonderes. Schließlich habe ich sieben Jahre lang im Mädchenchor gesungen, während mein Bruder Lukas, der heute Abend auch mitspielt, Mitglied im Kölner Domchor war. Ich erinnere mich noch gut daran, dass schon damals zur Aufnahmeprüfung für die Chöre gehörte, den gregorianischen Choral „Trias sunt munera“ auswendig singen zu können, um damit in feierlicher Prozession in die Kathedrale einzuziehen. Gerade haben wir auf dem Weg zur Probe in den Dom ausprobiert, ob wir den noch können. Und siehe da: Von Anfang bis Ende beherrschen wir noch jeden Ton. So etwas brennt sich eben ein. Auch diesen typischen Dom-Geruch beim Betreten dieser gewaltigen Kirche – den vergisst man sein Leben lang nicht mehr. Das holt einen sofort wieder ein. Und dann sind auch alle Gefühle von damals mit einem Mal wieder da.

 

Was sind das denn für Gefühle? Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Ihren Auftritten im Mädchenchor, in den Sie mit neun Jahren eingetreten sind?

 

Richter: Chorleiter Oliver Sperling war damals eine sehr wichtige Bezugsperson für mich. Er betraute mich später dann auch schon mal mit kleineren Soli, wie sie in manchen Motetten vorgesehen sind. Dafür wählte er immer einzelne Stimmen aus. Da war ich dann im Alter von zwölf, 13 Jahren auch schon oft mit von der Partie. Von daher habe ich meine ersten musikalischen Gehversuche als Solistin im Chor gemacht. Überhaupt ist das Singen in Gemeinschaft für einen Sänger eine wichtige Erfahrung. Dieses Teamgefühl, wenn man mit seinem Gesang in einer Gruppe aufgehen kann, vermisse ich heute noch manchmal. Von daher will ich diese Jahre im Mädchenchor, in denen ich viel gelernt habe – wie zum Beispiel vom Blatt singen oder auf die anderen Stimmen genau zu hören und in der Intonation Sicherheit zu gewinnen – nicht missen. Hier habe ich eine Grundausbildung geschenkt bekommen, auf der ich aufbauen konnte. Das war eine wichtige Zeit für mich, auch wenn es immer ein wenig Überwindung kostete, sich pünktlich sonntagmorgens um viertel vor neun – also mit über einer Stunde Vorlauf – bereits im Probensaal des Domes einzufinden, um mit dem Chorleiter nochmals alle Stücke für das Kapitelsamt durchzugehen. Aber Disziplin gehörte eben schon damals mit dazu.

 

Am Dienstag haben Sie gemeinsam mit Gerold Huber am Klavier in der Philharmonie einen Abend mit Liedern von Mahler, Wolf und Schubert gestaltet. Was haben Sie für die heutige Abendmesse im Dom mitgebracht?

 

Richter: Wegen der Corona-Auflagen darf ja nur eine reduzierte instrumentale Besetzung spielen. Das schränkte die Literaturauswahl von vornherein etwas ein. Von daher wollte ich gerne etwas von Bach machen, der von seiner kirchenmusikalischen Bedeutung sowieso ganz wunderbar in diesen tollen Dom passt und dessen Passionen, aber auch Kantaten zu meinem Kernrepertoire gehören. Und da mein Vater als Geiger im Gürzenich-Orchester Köln die Gruppe zusammengestellt hat und den Part der ersten Geige übernimmt, singe ich das "Et exultavit" aus dem Magnificat, die "Erbarme Dich"-Arie aus der Matthäus-Passion und das „Laudamus te“ aus der h-Moll-Messe. Das eröffnet uns die Chance, gewissermaßen im Duett miteinander zu musizieren, was sich ja auch nicht mehr so oft ergibt, uns aber große Freude macht.

 

Die Musik hat bei einer liturgischen Feier eher dienende Funktion und steht nicht im Zentrum wie sonst bei Ihren Auftritten. Dennoch übernehmen Sie mit Ihrer Kunst einen wichtigen Part beim Verkündigungsauftrag. Wie empfinden Sie diesen Rollenwechsel?

 

Richter: Glauben hat immer viel mit Emotionen zu tun und ist das Gegenteil von Wissen. Musik hat in diesem Kontext – apropos Teilhabe am Verkündigungsauftrag – die Fähigkeit, Gefühle ganz wunderbar transportieren zu können. Sie kann dabei helfen, Räume für die Erfahrung von Unsagbarem und Unbegreiflichem zu eröffnen. Musik unterstreicht das, was an eigener Emotion bereits da ist, was ich selber mitbringe. Bach merkt man zum Beispiel bei jedem Ton seine Gottesgläubigkeit an. Man spürt bei seiner Musik, wie wichtig ihm die Religion war. Mich dieser Herausforderung, Teil von etwas großem Ganzen zu sein, zu stellen, empfinde ich keineswegs als Rollenwechsel. Das ist in diesem Moment meine Aufgabe.

 

Vor ein paar Wochen hat das Gürzenich-Orchester Köln angeboten, mit einzelnen Musiker-Formationen in den Sonntagabendmessen zu spielen und so die Dommusik zu unterstützen. Darunter sind heute – Sie sagten es schon – auch Ihr Vater und Ihr Bruder, der sonst im Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks Kontrabass spielt. Wie kam es denn dazu, dass nun auch Sie an diesem Projekt mitwirken?

 

Richter: Da ich ohnehin für mein Konzert in der Philharmonie in Köln war, haben wir die Chance genutzt, dieses Orchester-Projekt zu einem kleinen Familienkonzert zu nutzen. Wie gesagt, dazu besteht sonst kaum noch Gelegenheit, weil wir zu normalen Zeiten, wenn nicht gerade der Corona-Lockdown den Konzertbetrieb lahm legt, alle viel zu sehr mit unseren eigenen Programmen beschäftigt sind. Aber mein Vater, der den heutigen Auftritt in der Abendmesse musikalisch koordiniert, konnte mich ohne große Überzeugungsarbeit sofort für eine Rückkehr an meine alte Wirkungsstätte gewinnen.

 

Apropos Corona: Wie ist das für eine Sängerin, von jetzt bis gleich nicht mehr auftreten zu dürfen? Und wie haben Sie die Corona-Krise und die vielen abgesagten Konzerte in den vergangenen Monaten überbrückt?

 

Richter: Ich war zuhause in Wien und habe natürlich versucht, die Zeit so gut wie möglich zu nutzen. Denn der Lockdown bedeutete ja nicht, dass ich in den eigenen vier Wänden nicht mehr singen durfte, sondern eben „nur“ öffentlich nicht. Das heißt, ich hatte einmal viel Zeit, mich ganz in Ruhe auf meine Stimme zu konzentrieren und an meiner Technik zu feilen; eine spannende Arbeit, die ja bei keinem Musiker je endet. Außerdem habe ich – wie sonst auch – Unterricht genommen; nur dass es diesmal online laufen musste. Und ich habe die Gelegenheit genutzt, neue Ideen und auch Programme zu entwickeln.

 

Was wird denn der nächste große Auftritt sein, der nach jetzigem Stand live und mit Publikum stattfinden wird?

 

Richter: Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Die Perspektive ist völlig unklar. Nahezu täglich kommen neue Absagen. In den nächsten Tagen hätte ich am Opernhaus Zürich in Beethovens „Fidelio“ die Marcelline singen sollen, in den Monaten Juli und August bei den Salzburger Festspielen die „Zelina“ in Mozarts „Don Giovanni“. Selbst der Liederabend in Bad Münstereifel am 31. Oktober mit Gerold Huber fällt nun aus. Ich hoffe, dass die Termine zu „L’Orfeo“ von Monteverdi Mitte November in der Berliner Staatoper Unter den Linden zu halten sind. Das wäre dann für mich nach mehr als einem halben Jahr die erste Wiederaufnahme des regulären Konzertbetriebs.

 

Wie schwer ist das, auf diese Weise ins Ungewisse hinein zu leben?

 

Richter: Das ist schon hart, keine unmittelbaren und konkreten Ziele zu haben. Das kennt man eigentlich in unserem Beruf nicht, weil sich in der Regel ein Engagement ans andere reiht. Was einen ja auch ungemein antreibt und motiviert. Die Perspektivlosigkeit ist sicher für uns Künstler ein großes Problem. Manchmal weiß man bis wenige Tage vorher nicht, ob ein Projekt stattfindet oder doch noch abgesagt wird. Und ganz ehrlich: So besonders das Musizieren ist – es ist unser Beruf. Auch wir müssen unsere Mieten bezahlen… Andererseits betrachte ich diese unfreiwillige Pause auch als eine Chance, einmal ganz bei mir zu bleiben. Das heutige Dom-Projekt wäre ohne Corona jedenfalls vermutlich nicht zustande gekommen.

 

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