Ab 1. März 2017 gelten folgende Regelungen:
Für den Dom gilt ein striktes Verbot für das Mitführen von großen Koffern, Reisetaschen, Wanderrucksäcken. Handgepäck bleibt erlaubt (Handtaschen, kleine Rucksäcke und kleine Rollkoffer).
Das Mitführen von eigenen Sitzgelegenheiten (z. B. Klappstühle) ist nicht gestattet.
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News

24.07.2019

„Die Liebe zur Musik behält man ein Leben lang“

Kirchenmusik hat einen Verkündigungsauftrag. Jauchzen, frohlocken und preisen – manchmal mit Pauken und Trompeten – das ist das Selbstverständnis von liturgischer Musik. Doch dahinter steckt ein hartes Stück Arbeit – und ein gläubiges Herz, wie Domkapellmeister Eberhard Metternich erklärt.

Herr Metternich, seit mehr als 30 Jahren stehen Sie an Sonn- und Feiertagen regelmäßig im Kölner Dom auf dem Chorpodest im südlichen Seitenschiff. Die 120 jungen Sänger des Domchores zu Höchstleistungen zu motivieren, für ihre Weiterentwicklung verantwortlich zu sein ist mitunter harte Knochenarbeit. Wann zuletzt hatten Sie jenseits aller - zugegebenermaßen auch notwendigen - Routine so etwas wie ein überwältigendes Gefühl von Erhabenheit?

 

Professor Eberhard Metternich (Leiter der Kölner Dommusik): Das habe ich eigentlich relativ oft. Und das ist mir in den über drei Jahrzehnten auch noch nicht verloren gegangen, wenn ich sehe, mit welcher Inbrunst Menschen singen - vor allem Kinder. Ein solches Gefühl erlebe ich bei Orchestermessen, wenn eine große Einheit aus Stimmen und Instrumenten entsteht, bei der Aufnahme neuer Knaben und Mädchen in die Domchöre, wenn sie sich in ihrer Jugendlichkeit zu einem homogenen und tragfähigen Klangkörper entwickeln, oder aber wenn Musik in Verbindung mit Worten zu einem innerlich aufwühlenden Erlebnis wird - gerade bei freudigen, aber auch sehr traurigen Anlässen. Wie beispielsweise bei dem Gottesdienst für die Opfer des Germanwings-Absturzes. Oder - positiv - wenn wir das Motto-Lied unseres Chorverbandes PUERI CANTORES, "Singen auf Gottes Wegen", anstimmen. Da heißt es: umhüllt von Gottes Güte, beschützt an jedem Ort. Das ist für uns das Eigentliche: die Überschrift, unter der wir Musik machen. Denn diese Zeilen treffen ziemlich genau, wie wir unseren Dienst versehen und die Botschaft von Jesus Christus weitergeben. Aber natürlich sind auch eine Mozart-Messe zu Pfingsten, wie wir sie zuletzt noch mit dem Domchor und dem Vokalensemble Kölner Dom gesungen haben, oder die Schlussfeier zu Fronleichnam mit dem mehrstimmigen "Großer Gott, wir loben dich..." emotional kaum zu toppen.

 

Die Zeiten, in denen die gottesdienstliche Musik nur als akustische Tapete, als "Behübschung", wie der österreichische Theologe Philipp Harnoncourt es einmal ausgedrückt hat, verstanden und behandelt wurde, dürften schon lange vorbei sein. Heute ist die musikalische Mitgestaltung ein wesentliches Element im Gottesdienst. Wie eigenständig darf liturgische Musik sein?

 

Metternich: Der Streit über die Konzerthaftigkeit von Musik in der Liturgie ist Jahrhunderte alt. Das Zweite Vaticanum hat dann die Rolle von Kirchenmusik neu definiert. Demnach soll sie nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern Träger der Liturgie sein. Das gibt ihr einen nicht zu unterschätzenden Wert. Insofern muss sich die Musik, will sie sich als ebenbürtig empfinden, einfügen. Das heißt, sie sollte ein ausgewogenes Miteinander zwischen gesungenem und gesprochenem Wort, zwischen liturgischer Aktion und Stille herstellen. Je nach Art des Gottesdienstes muss sie sich mehr bescheiden und unter Umständen einen dienenderen Part einnehmen. Bei entsprechendem Anlass aber darf sie auch den Grundgedanken eines Festes oder einer Predigt ausführlicher und ausladender zum Ausdruck bringen. Eine Bach-Kantate ist ursprünglich nicht für eine katholische Gottesdienstform geschrieben worden. Trotzdem haben wir im Kölner Dom einmal "Christus lag in Todesbanden" BWV 4 während der Messe am Ostermontag gesungen. Mit einem schlüssigen Gesamtkonzept geht auch das. Klar ist aber auch, verantwortliche Kirchenmusiker nutzen die Liturgie niemals als Bühne.

 

Kirchenmusik ist Verkündigung, heißt es seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Wie äußert sich das bei Ihrer täglichen Arbeit konkret?


Metternich: Nicht erst seit dem Zweiten Vaticanum wissen wir, dass unsere Musik immer auch Menschen erreicht, die im katholischen Glauben nicht beheimatet sind. Das bedeutet gleichermaßen Verantwortung und Chance. Daher machen wir uns in der Kölner Dommusik viele Gedanken über Musik, ihre Inhalte und auch darüber, wie und womit man die eigenen Chormitglieder anspricht. Denn wenn das Herz beim Singen mitspielt, fühlt das auch der Zuhörer. Wenn Sänger die Texte und deren Geschehen spürbar mitvollziehen, wirkt viel authentischer, was sie singen, und packender, wie sie singen. Musik - und in besonderem Maße die menschliche Stimme - ist dabei Medium. Insofern sind wir die Transmitter, die die Botschaft Christi weitertragen. Als solche, möchte ich sogar behaupten, machen wir einen richtig guten Job.

 

Sie selbst sind als Musiker bei den Limburger Domsingknaben groß geworden. Setzt eine solche Kindheitserfahrung einen Automatismus in Gang?

 

Metternich: Ich habe mit neun Jahren im Limburger Knabenchor angefangen und in den dann folgenden elf Jahren viel erlebt: tolle Literatur gesungen - auch solistisch - und unvergessliche Reisen unternommen. Während dieser Zeit erhielten einige meiner Sangeskollegen bereits eine Chorleiterausbildung. Die Kantoren- und Chorleiterausbildung entsprach in etwa dem, was wir heute als C-Ausbildung definieren. Also gab es da schon ein gutes Rüstzeug. Nach dem Abitur und Ausscheiden aus dem Chor war ich dann erst mal froh, etwas anderes zu machen, und habe mich mehr auf das Geigenspiel konzentriert. Außerdem habe ich während meines Studiums in Köln dann in einem weltlichen Kammerchor gesungen, wo ich zum ersten Mal eine breitere Palette säkularer Chormusik kennengelernt habe. In dieser Zeit haben viele meiner früheren Sanges- oder damaligen Studien-Kollegen Chöre übernommen. Und da dachte ich bei mir: Das kannst du doch auch! Obwohl es eigentlich immer mein Traum war, Dirigent zu werden. Mit 21 Jahren habe ich dann in der Tat meinen ersten Chor geleitet. Das war in der Zeit damals unter Musikstudenten so üblich. Im Übrigen sind aus dem Limburger Knabenchor nicht wenige Chorleiter oder Sänger hervorgegangen. Die Liebe zur Musik behält man eben ein Leben lang.

 

Wie ging es dann weiter für Sie?

 

Metternich: Ich hätte nie gedacht, dass ich meine Leidenschaft für Musik, fürs Singen und Dirigieren, eines Tages in den Dienst des Kölner Domes stellen würde. Mit meinen damals 28 Jahren, mit denen ich als Domkapellmeister anfing, hatte ich wirklich nicht den Vorsatz, daraus eine Lebensstellung werden zu lassen. Doch trotz eines Angebots einer Professur für Chorleitung in Berlin viele Jahre später bin ich in Köln geblieben und habe das auch nie bereut. Als ich jedoch hier begann, hatte ich keinen wirklichen Eindruck von der Kölner Dommusik und merkte schnell: Hier hast du Gestaltungsfreiräume. Zu den entscheidenden Weichenstellungen vor meinem Amtsantritt gehörte die Gründung der Domsingschule. Seitdem ist vieles gewachsen. Ich habe das Konzept für eine Dommusik entwickelt, an dem später dann nach und nach meine Kollegen im Kardinal-Höffner-Haus mitgeschrieben haben. Heute gibt es einen verpflichtenden Instrumentalunterricht für alle Domsingschüler und eine Hausaufgabenbetreuung für die Chorkinder am Nachmittag. Und wir haben nicht nur einen, sondern vier Chöre am Dom. Das alles kann sich sehen und hören lassen.

 

Was ist Kirchenmusik für Sie?

 

Metternich: Ich bin immer dankbar dafür, dass ich mit der Musik, die ich mache, in einen großen Kontext eingebettet bin. Und das ist die Spiritualität, ohne die Musik in einer Kirche nur hohler Klang und sinnentleert wäre. Dieser Kontext aber, den ich meine, fußt auf der Überzeugung, dass Jesus Christus für uns gestorben und von den Toten auferstanden ist. Das ist mein Glaube. Wenn man diese Botschaft für sich annimmt, dann fällt es zumeist leicht, sie über die Musik auszudrücken und weiterzugeben. Und wenn man dazu dann noch ein Gespür dafür hat, dass man an diesem Ort und in dieser Position in einer langen Tradition steht, dann offenbart sich einem der gesamte reiche Schatz dieser Musik. Manchmal ist das eine Bürde, weil das kirchenmusikalische Repertoire wirklich so unglaublich komplex ist und es immer noch Neues zu entdecken gibt. Aber es entsteht dadurch eben auch eine Verbindung zu den Musikern vergangener Jahrhunderte. So ist man als Leiter eines Knabenchores natürlich genuin mit Bach verbunden, der sich damals auch immer wieder über seine Sänger geärgert hat - das ist verbrieft. Und da frage ich mich manchmal, wie er wohl seine Knaben dazu gebracht hat, die virtuosen Koloraturen wie kleine Engel zu singen. Und noch etwas: In der Kirchenmusik geht es um existenzielle Fragen. Da sich für mich persönlich diese Fragen vielfach mit dem Evangelium beantworten lassen, fühle ich mich in der Kirchenmusik einfach zu Hause.

 

Sie sagten es schon, Kirchenmusik hat einen pastoralen Auftrag. Vermitteln Sie das auch den Kindern?

 

Metternich: Natürlich. Um Authentizität herzustellen und uns mit unserem Gesang bewusst in den Dienst Christi zu stellen, beten wir vor jeder Chorprobe gemeinsam. Und natürlich erklären wir als Pädagogen auch ein "Crucifixus..." im Credo oder die Beziehungen von Wort und Ton in einer Motette wie "Tristis est anima mea" von Orlando di Lasso, um nur ein Beispiel zu nennen...

 

Bach, Mozart, Brahms oder Arvo Pärt auf der einen, neues geistliches Liedgut auf der anderen Seite und dazwischen immer noch wieder neue Musik, die sich weder dem einen noch dem anderen zuordnen lässt - auch Auftragskompositionen, die ganz ungeahnte Horizonte eröffnen. Da muss man sicher permanent wach bleiben, um nicht den Stillstand zu pflegen. Wo sehen Sie sich in der Vielfalt dieser breiten Angebotspalette - auch um dauerhaft mit den Chören am Dom Qualität zu gewährleisten?

 

Metternich: Jedenfalls sehe ich mich nicht als Spezialist für nur eine Gattung oder einen bestimmten Stil. Meine Neigungen gehen in viele verschiedene Richtungen. Ich kann für vieles brennen. Und das ändert sich ständig. Lediglich im Bereich Jazz, Pop und Rock würde ich mich nicht auf die Bühne wagen. Und was die Vielfalt angeht - da habe ich am Dom mit der Leitung zweier Chöre weiß Gott viele Möglichkeiten. Wir haben in der Dommusik ein tolles Team und können große Projekte umsetzen. Aber wir laden auch Künstler von außen ein, die uns neue Impulse geben: sowohl bei neuer als auch bei alter Musik, die auf besonders hohem Niveau dargeboten wird. Ich habe mal Eric Ericson mit seinem Chamber Choir gehört, der für die schwedische Chorszene prägend war. Da erschloss sich mir eine ganz andere Klangwelt; das öffnet einem die Augen, wie man auch noch singen kann. Oder ich erinnere mich an einen Chorleitungskurs mit dem aus Schweden stammenden und späteren Düsseldorfer Chorleitungs-Professor Anders Eby, als ich zum ersten Mal die Fest- und Gedenksprüche von Brahms und das "Sanctus" aus der Frank Martin-Messe dirigieren durfte. Das sind Ereignisse, die vergisst man seinen Lebtag nicht.

 

Apropos: Gibt es so etwas wie "gute Musik"?

 

Metternich: Das ist sicher eine Geschmacksfrage. Jeder wird da andere Kriterien anlegen. Für mich ist gute Musik, wenn Stücke eine Aussage haben und diese Aussage den Empfänger erreicht. Bei neuer Musik scheiden sich da schon mal die Geister. Aber in jeder Zeit gab es Tonschöpfer, die ihr Publikum gefordert und überfordert haben. Das ist heute nicht anders. Wie viel Musik gibt es, die zu Lebzeiten ihrer Schöpfer verdammt wurde, heute aber aus unserer Kultur nicht mehr wegzudenken ist. Das war schon zu Beethovens Zeiten so. In der Kölner Dommusik wird pädagogisch Wert auf einen ganzheitlichen Ansatz gelegt. Hier findet Seelen- und Herzensbildung statt. Hilft Musik zu glauben? Metternich: In vielen Fällen ja. Sie kann aber auch die Grenzen des eigenen Glaubens aufzeigen. Zumal es ja nicht nur einen rationalen, sondern auch einen emotionalen Zugang zum Glauben gibt. Die Chöre am Kölner Dom singen oft zu verschiedenen Anlässen die bekannte Mendelssohn-Motette "Denn er hat seinen Engeln befohlen, dich zu behüten...". Als wir aber im vergangenen Jahr einen Gedenkgottesdienst für einen tödlich verunglückten Chorknaben feierten, ging diese Motette nicht. Im ersten Fall geht es aber auch soweit, dass Musik, die nicht unbedingt als geistliche Musik gedacht ist, in einem bestimmten Kontext durchaus einen religiösen Charakter erhält - immer dann, wenn sie hilft, sich mit Sein und Werden auseinanderzusetzen. Klassische Beispiele sind da für mich die Sinfonien von Anton Bruckner. Aber auch eine Komposition wie "Even when he is silent" von dem 1980 im norwegischen Trondheim geborenen Kim André Arnesen, die der Mädchenchor in seinem letzten Konzert am Dreikönigenschrein eindrucksvoll dargeboten hat. Dieser Schriftzug, vielleicht ein kurzes Gedicht, wurde während des Zweiten Weltkriegs auf einer Kölner Kellerwand gefunden und war - bei aller Weltlichkeit - doch so etwas wie ein Glaubensbekenntnis. Trotzdem machen auch wir die Erfahrung, dass Kinder und Jugendliche, die jahrelang in unseren Chören gesungen haben, später ein eher distanziertes Verhältnis zu Kirche und/oder Glauben haben. Das bedaure ich.

 

Sie vollenden am 24. Juli Ihren 60. Geburtstag. Wird es an diesem Tag Musik geben?

 

Metternich: Das ist nicht geplant. Den Geburtstag verbringe ich - wie so oft - im Urlaub. Da steht eher gutes Essen im Vordergrund. Aber nach den Ferien wollen wir rund um das Kardinal-Höffner-Haus mit der gesamten Kölner Dommusik feiern. Ich habe mir ein Fest mit viel Musik gewünscht, höre dann gerne zu und lasse mich überraschen.

 

Das Interview führte Beatrice Tomasetti

Kulturstiftung Kölner Dom Das Generationenprojekt 11.000 Sterne für den Kölner Dom ZENTRAL-DOMBAU-VEREIN ZU KÖLN VON 1842 DOMKLOSTER 4