Der Dom und ›die Juden‹-Dreikönigenschrein

Für die 1164 nach Köln übertragenen Gebeine der Heiligen Drei Könige wurde etwa zwischen 1190 und 1220 der Dreikönigenschrein gefertigt.

Es überrascht, dass das Bildprogramm nur an der Stirnseite den im Schrein geborgenen Heiligen gewidmet ist. Dort ist die allein im Matthäusevangelium (Mt 2,1–12) geschilderte Anbetung des »neugeborenen Königs der Juden« durch die seit dem 6. Jahrhundert als Könige bezeichneten heidnischen Magier dargestellt.

Zentrales Thema des Bildprogramms ist die nach christlichem Verständnis auf Jesus Christus zielende Heilsgeschichte – vom Beginn der Schöpfung bis hin zur endzeitlichen Wiederkehr Christi. Entsprechend sind in den unteren Arkaden der Langseiten Propheten dargestellt, beginnend mit Mose. Diese Prophetenreihen werden jeweils mittig durch die Könige David und Salomo unterbrochen. Die darüber angeordneten Apostel zeigen einerseits die Zusammengehörigkeit von Altem und Neuem Testament, sind zugleich aber im Sinne der christlichen Typologie als Ausdruck einer Rangordnung zu verstehen.

An der im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts entstandenen Rückseite des Schreines findet sich neben einer traditionellen Kreuzigungsdarstellung mit Maria und Johannes eine äußerst polemische Wiedergabe der Geißelung Christi. Statt der in den Evangelien genannten römischen Soldaten wird Jesus von zwei, durch den tellerförmigen Trichterhut eindeutig als Juden gekennzeichneten Schergen mit Ruten geschlagen.

Einen wichtigen Hinweis für die Deutung dieser Darstellung liefert die Inschriftenleiste am Giebel. Übersetzt heißt es dort: »Das wahre Opfer Jesus wurde bespuckt und mit Hieben geschlagen«. Damit spielt der Text nicht nur auf die in den Evangelien genannte und von Pontius Pilatus veranlasste Geißelung durch die römischen Soldaten, sondern auf das Schlagen und Spucken einiger Gerichtsdiener des Sanhedrin, des Hohen Rates, an, wie es im Markusevangelium genannt wird (Mk 14,65 par Mt 26,67).

Diese Szene gehört zu den seit Anfang des 12. Jahrhunderts gehäuft auftauchenden Passionsdarstellungen, die eine aktive Beteiligung der Juden am Tod Jesu unterstellen und bildlich umsetzen. Vorbereitet war diese Sicht schon in den frühchristlichen Schriften und Predigten, die den Juden die Schuld an der Ermordung Jesu zuweisen und in dem bereits im 2. Jahrhundert erhobenen Vorwurf des Gottesmordes gipfeln. Hinzu kommt, dass man im 12. und 13. Jahrhundert begonnen hat, die Juden weniger als Individuen denn als Gruppe wahrzunehmen und in Kollektivhaftung zu nehmen. Darüber hinaus, was im Blick auf die Darstellung fataler ist, werden die zeitgenössischen Juden mit jenen der neutestamentlichen Überlieferung gleichgesetzt.
Harald Schlüter

Moses
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Die Darstellung der Propheten auf den Langseiten des Schreines beginnt mit Mose, auf dessen Gesetzestafeln die ersten Worte des Schöpfungsberichtes aus der Genesis, dem ersten Buch der Hebräischen Bibel (Tanach), in lateinischer Sprache eingraviert sind.

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